15. November 2015

REVIEW: Ich seh, Ich seh (2014) - „Ich sehe was, was du nicht siehst“

  
Ich seh ich seh Auge Mutter
© Stadtkino Filmverleih

Die 10-jährigen Zwillinge Elias und Lukas stromern durch Wiesen und Wälder, streifen mit Monster-Masken durch die Maisfelder, erkunden dunkle Höhlen und stürzen sich in die Fluten eines tiefschwarzen Sees. Als die Rabauken von ihren Erkundungen eines Tages Zuhause ankommen, erwartet Sie bereits eine Frau – augenscheinlich Ihre Mutter, die von einer Schönheits-OP zurückgekehrt ist - das Gesicht vollends bandagiert. Die Begrüßung fällt unterkühlt aus. Die Mama bräuchte nach ihrer Operation viel Ruhe und Schlaf. Doch die beiden Jungen überkommt das Gefühl, dass es sich bei der Frau nicht um ihre Mutter handelt. Ihre Mutter scheint sich verändert zu haben.

Mit harter Hand und bis zum Äußersten setzt sie ihren Willen durch. Dabei schreckt die resolute Frau auch nicht vor Handgreiflichkeiten, dem Einsperren ihrer Kinder oder dem gegeneinander Ausspielen der Brüder zurück. Investigativ versuchen die Brüder ihren Verdacht zu erhärten. Jedoch fehlen sämtliche Bilder ihrer Mutter im Haus. Als Elias und Lukas dann doch ein Foto Ihrer Mutter finden, auf dem sie mit einer anderen, identisch aussehenden Frau abgebildet ist, scheint der Verdacht bestätigt. So stellen die Kinder der Frau Fragen mit denen sie prüfen wollen ob es sich wirklich um die Mama handelt – mit allen Mitteln. Ein Katz-und-Maus-Spiel um Macht, Kontrolle, Wahrheit und die eigene Identität beginnt.

ICH SEH ICH SEH spielt mit der kindlichen Faszination für das Morbide und die Skepsis bezüglich der eigenen Identität und Herkunft. So hat ein Jeder hat sich sicherlich schon mal die Frage gestellt: bin ich adoptiert? Ist die Mama meine Mama? Der Film zeigt darüber hinaus wie kein anderer den sadistischen Drall in Kindern, wenn es darum geht ihre Neugierde zu stillen und der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Ausdruck dessen ist die grausam kreative und naive Art und Weise, wie Elias und Lukas ihre Mutter foltern.

Das Wohnhaus, eine moderne Bauhausvilla, steht im krassen Kontrast zu der umrahmenden Idylle. Der Hauptteil der Handlung findet in der Isolation dieses Ortes statt, der mit den Protagonisten einen ganz eigenen Mikrokosmos bildet. Auch das sterile und karge Interieur mit Kunstwerken von verzerrten Gestalten, lässt bereits erste Schlüsse auf das Innenleben seiner Bewohner zu. Entweder ist es ganz still, oder der  Film wird von beklemmenden wummernden, hallenden und pfeifenden Tönen untermalt. Stille war selten ohrenbetäubender.

Die Thematik ist grundsätzlich nichts Neues, bringt jedoch alle an sich bekannten Elemente auf eine völlig andere Ebene und schafft mit seinen starken Bildern ein ganz eigenes Ambiente.
Hier und da gibt es Szenen, die für den Plot nicht tragend sind, das sei jedoch an dieser Stelle vergeben und vergessen. Darüber hinaus gibt es einige Sequenzen, in denen ein sehr starker und ländlich geprägter österreichischer Dialekt gesprochen wird -  diese sind für Deutsche dann doch recht schwer zu verstehen. Zudem schaut sich ICH SEH ICH SEH nicht ganz so kurzweilig, wie man es zunächst bei einer Laufzeit von 99 Minuten vermuten mag. Der Film braucht seine 30 Minuten Anlaufzeit, danach wird der Zuschauer jedoch in ein Wahrnehmungsspiel gefangen, dass seine Wirkung nicht verfehlt. So befindet man sich in einem Zwiespalt zwischen Spannung, Ekel und Entsetzen.

Zu meiner Freude ist ICH SEH ICH SEH für einen deutschsprachigen Film herrlich unkonventionell, handwerklich sehr gut gemacht und besitzt ein sehr einnehmendes Wesen. Kurz: ein Hoffnungsschimmer im deutschsprachigen Raum, den ich hier und da doch oftmals schon abgeschrieben habe. Es ist ein perfider Psychothriller mit sorgfältig ausgewählten Horrorelementen geworden, der mit seinen brachialen Endzügen unter die Haut geht und im Gedächtnis bleibt.


8,5 / 10



Titel:                Ich seh, Ich seh
Erscheinungsjahr:    2014
Altersfreigabe:      FSK 16
Regie:              Veronika Franz, Severin Fiala
Cast:               Susanne Wuest, Elias Schwarz, Lukas Schwarz
Produktionsland:      Österreich
Länge:              99 Minuten



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