22. November 2015

REVIEW: The Walk (2015) - "Die Karotten sind gekocht"

  
der cineast The Walk Seiltanz
© Sony Pictures

Ein Mann. Ein Seil. Ein Traum. Im Jahre 1974 balanciert der Franzose Philippe Petit (Joseph Gordon-Levitt) im Morgengrauen zwischen den Towern des World Trade Centers. In 417 Metern Höhe – ohne jegliche Sicherung. Es ist eine ungewöhnliche „Liebesgeschichte“, die im Wartezimmer eines Zahnarztes ihren Anfang nahm und in einer mehr als beeindruckenden Tat gipfelte, die so nie wieder möglich sein wird.


Philippe Petit, auf dem höchsten Punkt der Freiheitsstatue mit den Zwillingstürmen im Hintergrund stehend, erzählt uns höchstpersönlich seine Lebensgeschichte. Bereits als Kind verlor er sein Herz an den Seiltanz. Abgestempelt als „Taugenichts“ zieht Petit die für ihn einzig logische Konsequenz und verlässt als junger Mann sein Elternhaus um sich dem Jonglieren und dem Seiltanz zu widmen. Bei Papa Rudy (Ben Kingsley), Oberhaupt einer der besten Seiltanzfamilien der Welt, geht Petit in die Lehre. Er versucht sein Glück als Straßenartist in Paris und verdient sich seinen Lebensunterhalt. Dabei trägt er stets eine Schnur in seiner Hosentasche, um in seiner Umgebung Maß nehmen zu können, wo er denn sein Seil als nächstes aufspannen könnte. So werden Bäume, Laternen und nicht zuletzt auch die Notre Dame seine Bühne.

Eines Tages lernt er die junge Straßenmusikerin Annie (Charlotte le Bon) kennen – der Beginn einer Romanze. Sie ist nur die Erste einer Vielzahl von Unterstützern, die Philippe benötigt, um sein wahnwitzigen und dazu illegalen Coup ausführen zu können. Das Finden von eifrigen Helfern fällt ihm nicht sonderlich schwer, da er etwas an sich hat, das die Menschen mitreißt und sie über sich hinauswachsen lässt. Minutiös kundschaften Petit und seine Helfer das Objekt der Begierde, das World Trade Center während seiner Fertigstellung aus, um alle Prozesse zu kennen und den Coup planen zu können. Ganz in OCEAN’S ELEVEN Manier. Nach einigen Höhen und Tiefen gipfelt die Geschichte in dem spektakulären Spaziergang in schwindelerregender Höhe. Umzingelt von Polizisten und beobachtet von hunderten schaulustigen New Yorkern schreitet Petit nicht nur einmal zwischen den Türmen umher.

In THE WALK erzählt Regisseur Robert Zemeckis (FORREST GUMP, ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT) die wahre Geschichte eines Mannes, der seinen Traum fand, auf ihn wartete und realisierte. THE WALK ist ein annehmbares Biopic über eine herausragende Persönlichkeit. Bereits James Marsh hielt die Geschichte Petits 2008 in der oscarprämierten Dokumentation MAN ON WIRE fest.

Es sind tolle Kamerafahrten und schöne Bilder mit denen uns Zemeckis in THE WALK förmlich mit auf das Drahtseil schickt. Dieser Effekt wird durch das ordentliche 3D natürlich intensiviert, das ich jedoch nicht „zum kotzen“ bzw. als schwindelerregend empfand.
Joseph Gordon-Levitt wirkt als Philippe Petit herrlich leichtfüßig und verträumt – obwohl er äußerlich mit diesem quasi nichts gemein hat. Getrübt wird diese größtenteils gute Performance nur durch die doch ziemlich furchtbare Frisur und den für meinen Geschmack sehr aufgesetzten und penetranten französischen Akzent. Dennoch gibt es viele Szenen, die von Gordon-Levitt in einem sehr ordentlichen Französisch gesprochen und mit Untertitel versehen sind. Dies wirkt wunderbar authentisch – wobei dem Film als solcher das gewisse französische Flair fehlt. Generell verschwimmen die Figuren um den Hauptakteur Petit, der durchweg als narrative Figur fungiert, was mir persönlich als Erzählstruktur nicht sonderlich gefallen hat.
Trotz Drama besticht THE WALK durch seine vielen komödiantischen Elemente, die hauptsächlich aus dem teils wahrhaft wahnsinnigen Verhalten Petits herrühren. Es gibt jedoch auch unfreiwillig komische Momente – so erleben wir den wohl am schlechtesten animierten Vogel seit langem auf der Kinoleinwand. Zudem hält Zemeckis eine Liebesgeschichte mit einem eher überraschenden Ende parat, die sich jedoch sehr gut in das Gesamtbild einfügt.

Letzten Endes ist THE WALK eine Hommage an einen Mann, sein Lebenswerk und letztlich auch an die Stadt New York bzw. die Zwillingstürme geworden, mit denen man bisweilen nur noch traurige Erinnerungen verband. Zemeckis kreiert mit THE WALK einen leicht wehmütigen aber einfühlsamen Rückblick auf die Geschehnisse und haucht dem ehemaligen Wahrzeichen erneut Leben ein.


6 / 10



Titel:                The Walk
Erscheinungsjahr:    2015
Altersfreigabe:      FSK 6
Regie:              Robert Zemeckis
Cast:               Joseph Gordon-Levitt, Ben Kingsley, Charlotte Le Bon, James Badge Dale,
Ben Schwartz, Steve Valentine
Produktionsland:      USA
Länge:              123 Minuten









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