4. Dezember 2015

REVIEW: Steve Jobs (2015) - „Eine Delle im Universum“

  
der cineast Steve Jobs dirigiert
© Universal Pictures

Viele verehrten ihn wie einen Messias. Doch auch Steve Jobs war, wie jeder andere vor ihm, sterblich und erlag im Oktober 2011 seinem Krebsleiden. Noch bis heute fasziniert das Präsentations-Genie Millionen Menschen und bietet Stoff für zahlreiche Bücher und Filme. Er ist ein Mythos der auf ewig und unauslöschlich mit dem Unternehmen Apple verwoben sein wird.


STEVE JOBS erzählt in seinen drei Akten - allesamt vor, während und nach diversen Produktpräsentationen - die die Wendepunkte der Geschichte eines Visionärs markiert haben. Doch Jobs war eben auch tyrannischer Herrscher und Führer zahlreicher technischer Revolutionen, die bis heute Einzug in jedes Wohnzimmer gefunden haben. Ist STEVE JOBS nur ein weiterer von vielen Filmen und Dokumentationen, der uns den legeren Mann im Rollkragenpulli erklären will?

1984 – Der Beginn (Macintosh) – Akt I
College-Aula, Cupertino. Nur noch wenige Minuten bis zur Präsentation des Macintosh. Der legendäre Superbowl-Werbespot schürte bereits das Interesse. Die Menschen sind außer Rand und Band. Sie trampeln voller Ungeduld mit den Füßen und bringen das Gebäude zum wanken. Perfektion ist die Vorgabe. Doch der Software-Entwickler Andy Hertzfeld (Michael Stuhlbarg) muss Jobs (Michael Fassbender) gestehen, dass die geplante Sprachdemonstration mit höchster Wahrscheinlichkeit während der Präsentation abstürzen wird. Der Macintosh, der Computer mit dem „freundlichen Gesicht“, muss einfach „hallo“ sagen. Koste es was es wolle. Stehts an Jobs Seite: Marketing-Chefin und langjährige Freundin Joanna Hoffmann (Kate Winslet). Inmitten dieses perfekten Chaos befindet sich die junge Mutter Chrisann (Katherine Waterston) mit ihrer Tochter Lisa, die Geld für sich und ihr Kind von Jobs erbittet – dem biologischen Vater, der die Vaterschaft trotz Test vehement bestreitet.

1988 – Die Rache (NeXT) – Akt II
San Francisco Opera House, San Francisco. Nach dem Rauswurf bei Apple, erneuter Schauplatz einer Präsentation: die des NeXTcube. Einem reinen Rachekonkurrenzprodukt, von dem Jobs selbst weiß, dass es keine Chance auf dem Markt hat. Auch alte Weggefährten wie sein Freund Steve Wozniak (Seth Rogen) und sein ehemaliger Mentor John Sculley (Jeff Daniels) sind anwesend und haben noch das ein oder andere Hühnchen mit Jobs zu rupfen. Hinter den Kulissen des Ganzen tummelt sich auch Tochter Lisa, mittlerweile von Jobs als solche anerkannt, die lieber bei ihrem charismatischen Vater leben wollen würde als bei der selbstzerstörerischen Mutter.

1998 – Die Rückkehr (iMac) – Akt III
Davies Symphony Hall, San Francisco. Zurück an Bord von Apple setzt Jobs zu seinem bis dato größten Paukenschlag an: dem kugeligen, quietschbunten iMac. Das erste Produkt, das sich millionenfach verkaufen wird und Apple den Gewinn und gewünschten Schub verschafft. Es ist vor allem eine innere Reise auf die wir Jobs im letzten Auftakt begleiten. Schwere Differenzen mit Tochter und Freunden, die eigene Manie und tiefverwurzelten Probleme, bestimmen die letzten Momente vor der Präsentation. Doch Jobs wird scheinbar weich(er), kann über seinen Schatten springen, die bestehenden Konflikte zu seinen engsten Vertrauten lösen und zum letzten Mal das tun, was er immer am besten konnte: der Dirigent eines Orchesters sein, in dem er die erste Geige spielte.

STEVE JOBS ist dank Regisseur Danny Boyle (THE BEACH, SLUMDOG MILLIONAIRE) und Drehbuchautor Aaron Sorki (THE SOCIAL NETWORK) ein überragendes Biopic mit cleveren Hochgeschwindigkeits-Dialogen geworden. Sehr interessante Charaktere liefern sich regelrechte Wortgemetzel, bei denen es aufgrund des hohen Tempos von Zeit zu Zeit etwas schwer fällt zu folgen. In meinen Augen fehlen hier und da einige Schlüsselszenen, wie z. B. das „hallo“-sagen des Macintosh bei der Produktpräsentation, doch dies sei dem Film angesichts der großartigen Kameraeinstellungen verziehen. So kommt der Zuschauer in den Genuss des Starts einer Apollo-Rakete, der während eines Dialogs zwischen Hoffmann und Jobs sehr schön in Szene gesetzt wird. Auch der dynamische stark situative Soundtrack hat mich mehr als gefesselt – egal ob klassische Musik oder futuristische Synthie-Klänge – es fügte sich alles zu einem großen Ganzen zusammen.
STEVE JOBS stellt wunderbar die inneren und äußeren Konflikte des Enfant terrible dar, das manisch zwischen Genie und Wahnsinn schwebte. Für idealisierende Apple-Jünger ist daher STEVE JOBS wohl eher nichts, da Jobs hauptsächlich als schwieriger Mensch dargestellt wird und er für seine Fans wohl immer die schillernde Leitfigur Apples bleiben wird. Zudem werden Produkte wie das iPhone oder iPad thematisch nicht eingebunden – lediglich die Idee des iPods wird gegen Ende nett in die Geschichte eingesponnen.

Fassbender, der neben Leonardo DiCaprio, Christian Bale und Tom Cruise, allenfalls vierte Wahl war, brilliert wieder einmal und schafft den Spagat zwischen dem Abfeuern von Sorkis kreierten Dialogsalven und den Anflügen von Jobs Menschlichkeit. Und das obwohl Fassbender Jobs in keinstem ähnelt. Das vergisst man jedoch spätestens nach 15 Minuten und wird von dort an von einer teils rationalen, teils emotionalen Flut mitgerissen. Auch Kate Winslet, habe ich seit DER VORLESER nicht mehr in so einer guten Rolle gesehen. Jedoch driftet der Film gegen Ende dann doch in eine etwas zu versöhnliche und leicht schmalzige Ebene ab mit dem Fokus auf Vater-Tochter Beziehung.

Ob Frosch- oder Vogelperspektive, Boyle’s STEVE JOBS betrachtet den Tech-Guru aus einem neuen, eher ungeschönten und kritischen Winkel. Die abstrakte Erzählweise – eben nicht von der Wiege bis zur Bahre - gleicht viel mehr einer Produktpräsentationsoper in drei Akten und ist in seiner Art genauso innovativ wie sein Hauptakteur es zu Lebzeiten war. Der Flop an den Kinokassen ist daher mehr als unverdient.


8,5 / 10



Titel:                Steve Jobs
Erscheinungsjahr:    2015
Altersfreigabe:      FSK 12
Regie:              Danny Boyle
Cast:                 Michael Fassbender, Kate Winslet, Seth Rogen, Katherine Waterston, 
                                 Jeff Daniels
Produktionsland:      USA
Länge:              122 Minuten
Kinostart:            12. November 2015




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