3. Januar 2016

REVIEW: Carol (2015) - "Das Mädchen vom anderen Stern"

  
© dcm

CAROL ist die Verfilmung des Romans „Salz und sein Preis“ von Patricia Highsmith, aus deren Feder ebenfalls die Romanvorlagen von DER TALENTIERTE MR. RIPLEY und DIE ZWEI GESICHTER DES JANUARS stammen. Es handelt sich um eine lesbische Liebesgeschichte zwischen einer wohlhabenden Dame und einer jungen Frau. Für Todd Haynes (DEM HIMMEL SO FERN, I’M NOT THERE) ist es nicht der erste Film mit einer LGBT Grundthematik. Bereits 1991 konnte der Regisseur mit seinem ersten Film POISON den Großen Preis der Jury beim damaligen Sundance Film Festival einheimsen. Dieser galt als ein Vorreiter des New Queer Cinema


Zu Zeiten der 50er Jahre führt die New Yorkerin Carol Aird (Cate Blancett) eine unglückliche Ehe mit ihrem wohlhabenden Ehemann Harge (Kyle Chandler). Das Scheidungsverfahren läuft und beide teilen sich das Sorgerecht für ihre Tochter Rindy.
Zur Weihnachtszeit betritt Carol die Spielwaren-Abteilung eines Kaufhauses um eine Puppe zu kaufen. Sie bittet die Verkäuferin Therese Belivet (Rooney Mara) um Rat. Die gewünschte Puppe ist ausverkauft, doch die junge Frai schlägt Carol eine Eisenbahn als Weihnachtsgeschenk vor. Carol willigt ein, hinterlässt ihre Lieferadresse, vergisst jedoch ihre Handschuhe auf dem Tresen. Die pflichtbewusste Therese, die mit ihrem Freund Richard eher aus Bequemlichkeit liiert ist, beschließt der Dame ihre Handschuhe nachzuschicken. Aus Dankbarkeit lädt Carol Therese zum Lunch und später auch zu sich nach Hause ein.

Zwischen Liebe und Moralklausel

Als ihr Mann Harge eines Tages unerwartet seiner Frau einen Besuch abstattet und Therese im Wohnzimmer vorfindet, wird er sehr eifersüchtig. Er weiß, dass Carol bereits eine Affäre mit einer anderen Frau - Abby (Sarah Paulson), Rindys Patentante - hatte, mit der sie bis heute eine enge Freundschaft verbindet.
Von ihrem Anwalt erfährt Carol daraufhin, dass ihr Noch-Mann das alleinige Sorgerecht beantragt hat, da sie in seinen Augen einen unmoralischen Lebensstil führe.
Um sich abzulenken plant sie einen Roadtrip und fragt Therese, ob sie Lust hätte sie zu begleiten. Auf der gemeinsamen Reise festigt sich das Band zwischen den beiden Frauen, das in einer gemeinsamen Liebesnacht gipfelt. Doch das Glück seiner Frau ist Harge ein Dorn im Auge und so engagiert der gekränkte Ehemann einen Privatdetektiv, der die Beiden beschatten soll um Beweise für das Sorgerechtsverfahren zu sammeln.
Hat diese ungewöhnliche, frische Liebe in dieser so stürmischen und von Konventionen geprägten Zeit eine Chance?

Ein Versteckspiel mit dem wahren Ich

Mit einer Kamerafahrt, beginnend bei einem Straßengitter, durch das geschäftige Treiben einer New Yorker Straße entführt uns CAROL in eine zauberhafte Retrospektive. Neben dem großartigen Stil der Kostüme bestechen in CAROL die starken weiblichen Charaktere. Da wäre zum einen Cate Blanchett, die Frau mit Wangenknochen so hoch wie Steilklippen und Augen wie die einer Katze. Eine von Hause aus sinnliche und seduktive Frau. In ihrer Rolle als Carol bindet und umschmeichelt sie die junge Therese langsam aber wirkungsvoll. Rooney Mara wirkt hingegen eher wie ein scheues Reh.
Therese ist naiv, unerfahren – unbestimmt. Sie kann entweder nicht Nein sagen oder sagt zu allem Ja. Diese Unsicherheit spiegelt sich in all ihrem Handeln wieder: so zieht sie bei einem Lunch unbeholfen an einer Zigarette, bei dem sie sich nicht einmal entscheiden kann was sie essen möchte.
Besonders interessant ist das verdrehte Rollenverständnis in CAROL: Männer werden als sehr emotional agierend umrissen – sei es der gehörnte Ehemann oder der hingehaltene Freund. Die Frauen hingegen wirken sehr bestimmt, abgeklärt, wahren eine gewisse Distanz zu den Geschehnissen und wirken bis weilen etwas unterkühlt. Erst in einer vor Homophobie geschützten Atmosphäre, erblühen ihre Emotionen.
Neben den Hotelzimmern auf diesem etwas anderen Roadtrip, der für Therese zur Selbstfindungsreise wird, nutzt Regisseur Todd Haynes besonders das Auto als geschützter Raum in dem sich die Frauen scheinbar näher kommen können. In dieser kleinen, eigenen Welt, tastet die Kamera beinahe zärtlich kleine Körperpartien der Frauen ab und schafft ein gewisses Maß an Intimität.

Eine Welt hinter Glas

Oft trennen beide nur Fensterscheiben voneinander – ob beschlagen, klar oder durch Reflektionen getrübt: es ist eine Welt im Glaskasten. Diese ist lediglich durch die hindurchsehbaren Scheiben begrenzt, eine nur scheinbar durchdringbare Barriere. Egal ob nun Vitrinen, Autofenster oder die Linsen einer Kamera, etwas steht immer zwischen der unkonventionellen Liebe der beiden Frauen – ein Bild für die Konventionen und Homophobie der damaligen Zeit.
CAROL geht mit der Thematik wunderbar realistisch um, wie ich finde. Denn es ist keine Liebesgeschichte in der die Liebenden vom ersten Moment an Feuer und Flamme für einander sind. Und doch: von dem Augenblick an dem die schöne, reife Frau im dicken Pelzmantel die Spielwaren-Abteilung betrat war Therese von ihrem Anblick fasziniert.  Ein undefinierter Funken war ab diesem Augenblick mehr als deutlich spürbar.
Auch wenn die Liebe zwischen Carol und Therese vor den Augen des Zuschauers zunächst wie eine Spielzeug-Eisenbahn zu entgleisen scheint: nur weil sie von den Schienen abkam ist sie noch lange nicht kaputt.
Alles in allem ist CAROL sehr gefühlvolle Liebesgeschichte geworden, die insbesondere von ihrer unaufgeregten Feingliedrigkeit in Gestik und Mimik der Protagonistinnen lebt und schon zu Recht mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde.


8,5 / 10



Titel:                Carol
Erscheinungsjahr:    2015
Altersfreigabe:      FSK 6
Regie:              Todd Haynes
Cast:               Cate Blanchett, Rooney Mara, Kyle Chandler, Sarah Paulson, Jake Lacy
Produktionsland:      Großbritannien, USA
Länge:              118 Minuten
Kinostart:            17. Dezember 2015




Kommentare

  1. Das Bild mit der entgleisenden Spielzeug-Eisenbahn finde ich toll. Warum ist mir das nicht eingefallen? ;-)

    Hier meine Review: https://filmkompass.wordpress.com/2016/01/01/carol-2015/

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