31. Januar 2016

REVIEW: The Hateful 8 (2016) - "Howdy, Nigger!"

  
der cineast Filmblog The Hateful 8 Kurt Russell und Samuel L. Jackson
© Universum Film

„Treffen sich zwei Kopfgeldjäger, eine Gefangene, ein Henker, ein Sheriff, ein General, ein Cowboy und ein Mexikaner in einem Miederwarenladen …“ – nein, daraus wird kein Witz, sondern dabei handelt sich um Quentin Tarantinos neusten Streich. Mit THE HATEFUL 8 meldet sich das Enfant terrible Hollywoods mit seinem eigentlich 10. Film zurück. Der eisig-bitter-blutige Streifen ist irgendwie anders und wirkt doch vertraut. Das mag auch an alten Weggefährten wie Samuel L. Jackson, Kurt Russel und Tim Roth liegen, die schon in anderen Werken Tarantinos agierten. Mit seinen fast drei Stunden Laufzeit, sollte man für THE HATEFUL 8 jedoch ordentlich Sitzfleisch mitbringen.

Wyoming, Ende des Bürgerkrieges. Durch diese verschneite Prärie kämpfen sich vereinzelt Gestalten, deren Wege sich hinsichtlich des gleichen Ziels, dem Städtchen Red Rock, kreuzen. Da ist zum einen der afroamerikanische Kopfgeldjäger Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson), der sich das Lösegeld für drei tote Gauner in der Stadt abholen möchte. Dieser trifft auf einen weiteren Kopfgeldjäger, John „Der Henker“ Ruth (Kurt Russell), der in einer Postkutsche mit seiner Gefangenen Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh) Richtung Red Rock unterwegs ist. Warren bittet aufgrund des drohenden Unwetters um seine Mitnahme, die ihm nach einigem hin und her schließlich gewährt wird.
Ein bisschen Wasser den Berg runter, gabelt das sonderbare Trio den neureichen Chris Mannix (Walton Goggins) auf, der sich als künftiger Sheriff Red Rocks ausgibt. Einen Schneesturm im Nacken, macht die unfreiwillige Reisegruppe Rast an Minnies Miederwarenladen um dort Schutz zu suchen. Vor Ort erwarten sie bereits weitere raubeinige Charaktere. Da wäre der Mexikaner Bob (Demián Bichir), der die Hausherrin und ihren Mann vertritt und die Reisenden in Empfang nimmt. In der Hütte selbst befinden sich darüber hinaus noch der griesgrämige General Sandy Smithers (Bruce Dern), der Cowboy Joe Gadge (Michael Madsen) und der Brite Oswaldo Mobray (Tim Roth), der bizarrer Weise Daisys Henker ist. Dieser bunte, zusammengepferchte Haufen bietet ein hohes Konfliktpotential. Schnell stellt sich die Frage ob ein jeder das ist, was er vorgibt zu sein. Wer sind die Guten – wer die Bösen, oder gibt es gar keinen Unterschied?

Back to the roots

Ich bin wahrlich kein glühender Tarantino Fan. Daher möchte ich gleich vorweg nehmen, dass mich THE HATEFUL 8 positiv überrascht hat. Denn der Trailer hatte in mir nun wirklich keine Begeisterungsstürme ausgelöst. „Nach Django schon wieder ein Western? Hätte er nicht mal etwas Neues ausprobieren können?“, dachte ich mir. Trotzdem wagte ich den Gang ins Kino.
Das Genre des Westerns, das nie eines meiner liebsten war, wird peu a peu wiederbelebt und erlebt in den letzten Jahren definitiv ein Revival.
Dabei stand der Kinostart von THE HATEFUL 8 unter keinem guten Stern. Zunächst leakten noch vor den Dreharbeiten Teile des Drehbuchs, weshalb Tarantino zunächst das gesamte Projekt canceln wollte. Und dann riefen auch noch Polizeiverbände zum Boykott des Films auf, nachdem sich der Regisseur auf Demos gegen Polizeiverbrechen an Afroamerikanern aussprach.

Reservoir Dogs meets Django

THE HATEFUL 8 nimmt sich Zeit. Und nicht zu wenig davon. Über mehrere Minuten erstreckt sich die Anfangssequenz, eine Nahaufnahme Jesu am Kreuze, in der verschneiten Landschaft zur grimmigen orchestralen Musik von Ennio Morricone. Dabei reizt der Filmemacher die retro 70mm Panavision-Ästhetik für ausschweifende Panoramen – ein völliges Kontrastprogramm zu dem darauf folgenden Kammerspiel in Minnies Miederwarenladen. Denn dieser Teil des Films könnte auch als ein für sich alleinstehendes Theaterstück aufgeführt werden.
THE HATEFUL 8 konnte bei den diesjährigen Oscars drei Nominierungen einheimsen: Beste Kamera, Beste weibliche Nebendarstellerin und Bester Soundtrack. Ich hätte Tarantino durchaus auch eine Nominierung für das Beste Drehbuch gewünscht – über diesen Fakt wirkt der Maestro selbst in zahlreichen Interviews pikiert und enttäuscht.
Seine Schwäche für die Anatomie weiblicher Füße, die Tarantino sonst oft nur zu gern in seinen Filmen illustriert, findet in THE HATEFUL 8 keinen Platz – im Gegenteil, Daisy Domergue wird sogar in den Fuß geschossen.

Cineastisches Cluedo

In THE HATEFUL 8 hat es Tarantino geschafft einen Schmelztiegel der Gemüter schaffen; eine Pokerrunde, bei der sich niemand in die Karten schauen lässt – wer spielt hier mit gezinkten Karten und wer hat Asse im Ärmel? Am Ende seiner fünf Akte kommt es zu einem fulminanten Showdown, bei dem weder die agierenden Charaktere noch die Zuschauer wissen, wer hier im wahrsten Sinne einen (klaren) Kopf behält.
Der Cast ist stimmig, unter alte schauspielerische Weggefährten Tarantinos mischen sich auch neue Gesichter ins Ensemble. Doch wie der Vorspann schon verrät, bleibt es noch nicht einmal bei den oben genannten Akteuren.
Besonders die in Vergessenheit geratene Jennifer Jason Leigh vermochte es trotz des vergleichsweise geringen Dialoganteils durch ihre Präsenz zu überzeugen. Tim Roth hingegen kann einem etwas leid tun. Wirkt er doch wie ein Lückenbüßer für Christoph Waltz – ein Gefühl, dass einen über die gesamte Laufzeit nicht loslässt. Eine unglückliche Kostümwahl, wie Tarantino schon beteuerte.

THE HATEFUL 8 ist ein spannender, gradliniger und konzentrierter Neo-Western mit messerscharfen Dialogen geworden. Bei einigen Elementen der Geschichte bleibt bis zum Schluss offen, ob es sich um die Wahrheit oder lediglich taktische Fiktion handelte. Splatter Fans kommen bei dem etwas zu lang geratenen Film jedoch erst spät auf ihre Kosten, da die Blutfontänen erst gegen Ende zum Einsatz kommen. Insgesamt scheint Tarantino erwachsener und reifer geworden zu sein; das gefällt – zumindest mir. Ob THE HATEFUL 8 wie seine anderen Filme Kultstatus erreicht, möchte ich zum jetzigen Zeitpunkt jedoch zu bezweifeln wagen.


8 / 10



Titel:                The Hateful 8
Erscheinungsjahr:    2016
Altersfreigabe:      FSK 16
Regie:              Quentin Tarantino
Cast:               Samuel L. Jackson, Kurt Russell, Jennifer Jason Leigh, Walton Goggins,
                                 Demián Bichir, Tim Roth, Michael Madsen, Bruce Dern
Produktionsland:      USA
Länge:              167 Minuten
Kinostart:                  28. Januar 2016





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