7. Februar 2016

REVIEW: The Big Short (2016) - "Ein riesiger Haufen Scheiße"

  
der cineast Filmblog The Big Short Christian Bale
© Paramount Pictures

2007 - der amerikanische Häusermarkt stürzt wie ein Kartenhaus in sich zusammen und schlägt riesige Wellen. Aus dem Crash entwickelte sich schon bald eine Weltwirtschaftskrise. Doch wie konnte es soweit kommen? Hat niemand das Fiasko kommen sehen? Nach der gleichnamigen Buchvorlage von Michael Lewis, verfilmt Regisseur Adam McKay nicht nur das Zerplatzen der Immobilienblase aus dem Jahr 2007 sondern auch das des amerikanischen Traums. Hochkarätig besetzt versucht er die schwierigen und trockenen Mechanismen des Finanzmarktes über die Leinwand möglichst verständlich zu transportieren. Doch sind diese komplexen Strukturen für den Otto-Normal-Verbraucher wirklich simplifizierbar?

Der einäugige, unter dem Asperger-Syndrom leidende Hedgefonds-Manager Dr. Michael Burry (Christian Bale), erkennt nach eingehender Studie etlicher Excel-Tabellen, eine drohende Blase am US-Immobilienmarkt. Um das ihm anvertraute Geld zu schützen, beginnt er die als sicher geltenden Häuserhypotheken zu shorten, d. h. gegen sie zu wetten. Er wird von Banken, Investoren und anderen partizipierenden Parteien für verrückt gehalten. Dennoch wittern diese das große Geschäft und willigen ein. Ganze 1,3 Mrd. US Dollar legt Burry in dieser Form an.
Ein gewiefter Investmentbanker der Deutschen Bank, Jared Vennett (Ryan Gosling), bekommt Wind von Burrys Anlagen und beginnt die Strategie nachzuvollziehen, bis er zum gleichen Ergebnis kommt. Um auf den Zug aufspringen zu können, benötigt Vennett jedoch Geschäftspartner. Nach einiger Überzeugungsarbeit kann er das Team rund um Trader Mark Baum (Steve Carell) für die Theorie gewinnen. Aber auch die beiden Jungspunte Jamie Shipley (Finn Wittrock) und Charlie Geller (John Magaro) sehen das Potential und werden dabei von dem ehemaligem Star-Investor und mittlerweile bärtigen New-Ager Ben Rickert (Brad Pitt) angeleitet. Wie die Geschichte zeigte, behielt jeder von ihnen Recht, verdienten sich eine Goldene Nase während Millionen Menschen ihr Haus, ihren Job und ihre Existenz verloren.

Ein einstürzender Jenga-Turm

Regisseur Adam McKay wirkte bislang hauptsächlich an zahlreichen Komödien mit. Ob als Regisseur wie bei ANCHORMAN und ANCHORMAN 2 oder als Drehbuchautor und Produzent. Mit THE BIG SHORT bewegt McKay sich nun stark aus seiner Komfortzone – jedoch ohne dabei seine Expertise im Bereich Comedy ungenutzt zu lassen. Denn THE BIG SHORT schafft als Hybrid den Spagat zwischen ernstem Polit-Drama und vielen komödiantischen Elementen.
Es lassen sich wahrlich parallelen zu THE WOLF OF WALLSTREET ziehen - doch wo Scorsese lediglich an der Oberfläche kratzte und eine wage Idee vermittelte, dringt McKay wesentlich tiefer in die Materie des Finanzwesens ein. Auch auf den ein oder anderen Cameo-Auftritt darf der Zuschauer sich freuen.
Mit einer schwindelerregenden Schnittfrequenz führt uns Adam McKay durch seinen doch recht innovativen Film. Dies kommt bereits zu Beginn in einer beinahe epileptischen Diashow vom zeitgenössischen Alltag, der Kultur, Politik und Wirtschaft zum Tragen – beinahe möchte man die Augen vor den vielen Eindrücken verschließen.

Der Einäugige ist unter den Blinden König

Der Zuschauer erhält im wahrsten Sinne des Wortes einen Crash-Kurs durch die Finanzwelt und wird dabei neben dem Fachjargon auch mit Fäkalausdrücken traktiert. Durch eingeschobene verständlichere Laien-Erklärungen von Finanzbegrifflichkeiten sowie ein hier und da eingeblendetes Glossar, möchte THE BIG SHORT den Zuschauer bei der Stange halten. Doch auch der aufmerksamste Zuschauer kommt bei dem vorgelegten Tempo und der Thematik trotzdem ins straucheln und teilweise nicht mehr mit. Der Banker-Jargon wird zu einer schier undurchdringlichen Fremdsprache.
Zum Cast: Steve Carell hier in einer ernsteren Rolle zu sehen war äußerst erfrischend, auch wenn man sich dabei ertappt fühlt und an den Mockumentary-Stil à la THE OFFICE denkt. Ryan Goslings Charakter des Jared Vennett, der in THE BIG SHORT zusätzlich als Erzähler fungiert und mehr als nur einmal die vierte Wand durchbricht, kann man trotz des schmierigen Auftretens nicht so recht unsympathisch finden. Brad Pitt verkommt hingegen zu einer reinen Randfigur, die wenig interessant und Plot-bereichernd ist. Sein Name – wolmöglich eher ein Lockmittel, das Zuschauer in die Kinosäle treiben soll. Christian Bale, der zudem für THE BIG SHORT als Bester männlicher Nebendarsteller für den Oscar nominiert ist, kann hier durch seine Verkörperung des Sonderlings Dr. Burry durchaus überzeugen. Barfüßig schwingt er in seinem Büro zu ohrenbetäubender Death Metal Musik die Drumsticks und wälzt sich durch Zahlenströme.
Jedoch muss ich zugeben, dass ich von dem Zusammenspiel der Protagonisten etwas anderes erwartet hatte. Ich hatte eher einen Zusammenschluss von Finanzexperten aus verschiedenen Wissensgebieten à la OCEAN‘S Reihe angenommen, wieso genau weiß ich allerdings auch nicht.

Letzten Endes ist THE BIG SHORT eine etwas zu lang geratene Chronik der Finanzkrise aus einer neuen, etwas verständlicheren Perspektive mit einer gehörigen Portion Galgenhumor. Die hässliche Fratze der Finanzwelt lacht dem Zuschauer über die 131 Minuten Laufzeit frech ins Gesicht. Der Film ist mit einer tollen Vielfalt an zeitgenössischer Musik jedes Genres untermalt. Dabei gerät jedoch das eigentliche Elend, nämlich das des amerikanischen Volkes, die Armut und Obdachlosigkeit leider zu sehr in den Hintergrund. Nichts desto trotz ist THE BIG SHORT ein sehenswerter Film, der hinter die Farce-sade der Weltwirtschaftskrise blicken lässt ohne vorher ein einschlägiges Studium absolviert haben zu müssen.


7,5 / 10



Titel:                The Big Short
Erscheinungsjahr:    2016
Altersfreigabe:      FSK 6
Regie:              Adam McKay
Cast:               Christian Bale, Steve Carell, Ryan Gosling, Brad Pitt, Finn Wittrock
Produktionsland:      USA
Länge:              131 Minuten
Kinostart:                  7. Januar 2016




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