17. März 2016

REVIEW: A Girl Walks Home Alone At Night (2014) - "Kajal Metamorphose"

  
der cineast Filmblog Das Mädchen macht sich ausgehfertig
© Capelight

„Es ist, als hätten Sergio Leone und David Lynch ein gemeinsames Baby und dafür Nosferatu als Babysitter bestellt.“ So beschreibt Regisseurin Ana Lily Amirpour ihr Langfilmdebüt. Komplett in schwarz-weiß gehalten und mit vielen vergangenen und zeitgenössischen Pop-Einflüssen, kommt A GIRL WALKS HOME ALONE AT NIGHT daher. Es wird mit dem Zusatz der „ersten iranischen Vampirfilm-Romanze“ geworben, obwohl das so nicht ganz zutrifft.

Lässig wie James Dean steht er da an der Ecke mit seiner Fliegerbrille und einer Fluppe im Mundwinkel, bis er sich durch den Bretterverschlag schwingt und mit einer Katze an seiner Brust zurückkehrt um durch die Straßen Bad Citys zu schlendern. Vorbei an einem streng dreinblickenden Transvestiten, dem der junge Mann ein Lächeln entlocken kann. Die Rede ist von Arash (Arash Marandi), der ganz genau weiß, dass er 2191 Tage hart arbeiten musste um sich einen Ford Thunderbird leisten zu können. Parallel setzt sich sein Vater (Marshall Manesh) einen weiteren Schuss zwischen die Zehen, nachdem er sich seiner löchrigen Socken entledigt hat. Schon lange hat der Mann sich nach dem Tod seiner Frau in der Heroinsucht verloren. Diese Einsamkeit macht sich Drogendealer Saeed (Dominic Rains) schon viel zu lang zunutze. Auch diesmal will er die Schulden des Vaters eintreiben und nimmt Arash sein geliebtes Auto.
Von nun an muss Arash auf ein nicht weniger retro-cooles Rennrad umsteigen um seiner Arbeit als Gärtner bei einer privilegierten Familie nachgehen zu können.
Des nächtens tanzt irgendwo in dieser verkommenen Stadt eine junge Frau (Sheila Vand) apathisch und ganz für sich in ihrem von Postern gesäumten Jugendzimmer. Sie zieht sich ihren Lidstrich nach und legt Lippenstift auf – macht sich ausgehfertig, um dann in ihrem Tschador mit der tiefschwarzen Nacht zu verschmelzen. Auf ihrem ziellosen Weg durch die Dunkelheit begegnet das Mädchen dem Goldketten-Proll Saeed, der sie in seine Gangster Junggesellen-Bude mitnimmt. Teilnahmslos wandert das namenlose Mädchen durch die Tigerhöhle, bis ihre wahre Gestalt zum Vorschein kommt – was Saeed nämlich nicht weiß: sie ist ein Vampir.
Dort vor Saeeds Haus begegnen sich Arash und das Mädchen das erste Mal – es soll nicht das letzte Mal bleiben. Den leblosen Körper vorfindend, nimmt Arash sich die Schlüssel seines Wagens und lässt auch einen Koffer mit Geld und Drogen nicht zurück.
Ausgerechnet nach einer Kostümparty -  er verkleidet als Dracula - kreuzen sich die Wege der beiden erneut. Kugelige, hell erleuchtete Straßenlaternen werden für den Möchtegern-Dracula zum Ersatz-Mond, den er mit glasigen Augen anzubeten scheint. Orientierungslos herumirrend liest ihn das Mädchen auf und nimmt ihn mit zu sich. Schon bald entwickelt sich mehr zwischen den beiden Außenseitern - doch hat das zarte Pflänzchen Liebe überhaupt eine Chance in Bad City?

Feministischer Vampir-Kitsch?

Es ist schade, dass das Geschlecht eines Filmmachers anscheinend so herausgestellt werden muss wie zum Beispiel bei A GIRL WALKS HOME ALONE AT NIGHT. Ja, es stimmt – so sind Regisseurinnen doch kaum merklich in der Filmbranche präsent. Dennoch: das was Ana Lily Amirpour mit ihrem Langfilmdebüt geschaffen hat entbehrt jeglicher Gender-Diskussionen.
So kokettiert die Regisseurin mit der Symbolik, Kultur und Sichtweisen des Islam. Das namenlose Mädchen mit der hypnotischen Aura, dem gestreiften Shirt, den Jeans und einem Kurzhaarschnitt versprüht einen gewissen französischen Charme. Ihre Anti-Heldin ist eine „badass“ Rächerin, die vereinzelt Leute durch die Nacht auf Schritt und Tritt verfolgt. Auch vor Kindern macht sie nicht halt. So nimmt das Mädchen einen Jungen ordentlich durch die Moral-Mangel – eine prophylaktische Erziehungsmaßnahme entgegen der Konventionen im Iran, wo diese meist als kleine Prinzen verhätschelt werden.
In seiner moralischen Säuberung à la DEXTER durch die Protagonistin, kränkelt A GIRL WALKS HOME ALONE AT NIGHT jedoch an dem augenscheinlichen „Männer-Hass“. Denn alle Opfer des Mädchens sind eindimensionale, männliche Gestalten und verliert dadurch an Wirkung. Auch hält sich die Regisseurin mit der Darstellung sexueller Inhalte vergleichsweise eher zurück und arbeitet viel mehr mit Metaphern. So dient der Finger als Phallussymbol und eine Spritze wird zum Zeichen von sexuellem Missbrauch bzw. einer Vergewaltigung.

Kontrast-Programm

Arash, unser Held mit der nicht ganz so blütenreinen Weste und in James Dean-Optik, wirkt jedoch noch um einiges cooler, wenn er in Begleitung von Mariachi Trompeten in seinem Oldtimer durch die Stadt cruist und der Zuschauer getreu eines Westerns einen Showdown erwartet.
Auch der Pimp Saeed könnte sich sowohl namentlich als auch optisch zwischen die Mitglieder der Gruppe DIE ANTWOORD reihen.
Aber auch etwas Teenie-Kitsch à LA BOUM darf bei einer Vampir-Romanze natürlich nicht fehlen: Vinyl-Schallplatten, Poster, eine Discokugel und ein angedeuteter Slow Dance. Oder aber ein im wahrsten Sinne des Wortes cheesy Burger-Date auf der Motorhaube eines Autos – trotz der kargen Fabrik-Einöde, die den Hintergrund ziert.
Die Dreharbeiten zu A GIRL WALKS HOME ALONE AT NIGHT gestalteten sich zunächst schwierig, da diese im Iran nicht möglich waren. Doch es fand sich eine geeignete trostlose, leblose Ölstadt in der Wüste Kaliforniens. So konnte das fiktive Luftschloss der iranischen Stadt Bad City, die  SIN CITY als Pfuhl der menschlichen Abgründe in nichts nachsteht, entstehen.

A GIRL WALKS HOME ALONE AT NIGHT ist ein bildgewaltiges Debüt geworden, das beispielsweise an die Werke von Lynch und Jarmusch erinnern. Wer hier eine Vampir-Romanze im Sinne von Twillight erwartet ist völlig fehl am Platz. Alle anderen erwartet ein einzigartiger, recht unkonventioneller Film mit Liebe zum Detail, der reich an Kultur-Hommagen ist.


8 / 10



Titel:                A Girl Walks Home Alone At Night
Erscheinungsjahr:    2014
Altersfreigabe:      FSK 12
Regie:              Ana Lily Amirpour
Cast:                Sheila Vand, Arash Marandi, Marshall Manesh, Mozhan Marnò, Dominic Rains
Produktionsland:      USA
Länge:              99 Minuten
Verfügbar auf:          Blu-Ray, DVD






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