6. März 2016

REVIEW: Enemy (2013) - "Im Netz der Spinne"

  

© Capelight

Höchst komplex, verwirrend und in ein wunderschönes jedoch düsteres, unheilvolles Sepia getaucht – so kommt Denis Villeneuves englischsprachiges Erstlingswerk daher. Basierend auf dem 2002 erschienenen Roman „Der Doppelgänger“ des portugiesischen Literaturnobelpreisträgers José Saramago, spielt der Regisseur sein Spielchen mit dem Verstand und den Gefühlen des Zuschauers. Eine Warnung gleich vorweg: der Film ist definitiv nichts für Arachnophobiker!

Adam Bell (Jake Gyllenhaal) führt als Geschichtsprofessor ein eintöniges Leben in Toronto. Leidenschaftslos wandelt er zwischen seinem kargen Hochhaus-Appartment, den Vorlesungen und den wortkargen Treffen mit seiner Freundin Mary (Mélanie Laurent), deren vordergründiger Inhalt aggressiver, mechanischer Sex ist.
Als Adam von einem Kollegen zusammenhangslos ein Film empfohlen wird, scheint diese monotone Lebensschleife ein jähes Ende zu finden. Nach der teilnahmslosen Sichtung des Films, folgt ein Traum, in dem ihm ein Detail des Gesehenen bewusst wird, das er auf der Stelle nachprüft. Und tatsächlich: einer der Nebendarsteller gleicht ihm wie ein Ei dem anderen.
Schon bald entwickelt sich bei Adam eine Obsession und durchbricht somit die Schranken seines gleichförmigen, in Bahnen verlaufenden Lebens. Wie ein Getriebener macht er den Namen und Wohnort des Schauspielers ausfindig. Der Mann heißt Anthony Claire (Jake Gyllenhaal) und lebt mit seiner schwangeren Freundin Helen (Sarah Gadon) ebenfalls in Toronto. Auf sein Ebenbild fixiert, sucht Adam die Nähe zu seinem unheimlichen Doppelgänger – zunächst via Telefon, später durch ein persönliches Treffen in einem Hotel. Eine folgenschwere Begegnung, denn es ist der Beginn eines Kampfes um den eigenen Verstand und die Identität.

Das Doppelte-Lottchen

"Chaos is order yet undeciphered“ – das Chaos ist eine noch nicht entschlüsselte Ordnung. Mit dieser These eröffnet Regisseur Denis Villeneuve seinen ersten englischsprachigen Film. Er kreiert in ENEMY ein schizophrenes Verwirr-Spiel, in dem der Zuschauer sich verfängt und ohne jegliche Erklärung schutzlos zurückgelassen wird. Doch gerade das macht dieses metaphorische Meisterwerk des Regisseurs so anziehend, regt es doch zum Nachdenken an und lädt zu einer erneuten Sichtung des Films ein. In äußerst ansprechenden, in Sepia getauchten Aufnahmen – fernab vom stilisierten Kitsch aus der Feder Schweigers – bedient sich ENEMY wiederholender Muster und mutiert zu einer äußerst präzise gezeichneten Identitätskrise.
Bereits der Einstieg erzeugt tiefes Unbehagen. Durch dunkle Gänge gleitend, öffnet sich irgendwo eine Tür. Dahinter: Männer, die entblößte, sich räkelnde Frauen begaffen. Ein exklusiver Herrenclub? Mittendrin: eine Spinne, die unter einer Servierhaube hervorkriecht und droht unter den High Heels einer Tänzerin zerquetscht zu werden. Auch im späteren Verlauf stakst eine überdimensionale, futuristisch anmutende Spinne durch Toronto. Ortskundige können hier eventuell eine Verbindung zu Louise Bourgeois‘ neun Meter hohen Skulptur „Maman“ (Mama) herstellen, die in Toronto steht – die Ähnlichkeit ist verblüffend.

Tragödie und Farce

Jake Gyllenhaal agiert hier in einer diffusen Doppelrolle und überzeugt auf ganzer Linie.  Gyllenhaal schafft es die konträren Charakter der beiden Akteure klar voneinander in Gestik und Mimik abzugrenzen.
In der geschaffenen surrealen und doch hypnotisch-wirkenden Atmosphäre, schickt uns ENEMY auf eine Reise in die männliche Psyche. Denn der Film behandelt einige derer Probleme und Ängste: Narzissmus, tiefgelagerte sexuelle Obsession, Selbstzweifel, Verantwortungsscheu und Bindungsschwierigkeiten.
Ich muss zugeben: es gestaltet sich schwierig eine adäquate Review dieses Films zu verfassen. Gibt es doch viele Ungereimtheiten und mögliche Interpretationsansätze, die ein jeder selbst aufstellen sollte – als ein Teil dieser filmischen Erfahrung.

Abschließend ist ENEMY wahrlich keine leichte Kost, bei derem Genuss man eindeutig einen hellwachen Verstand benötigt. Auch ich habe mich beim erstmaligen Sehen und der anschließenden Deutung äußerst schwer getan. Nachdem ich den Film jedoch habe auf mich wirken lassen, meine ich des Rätsels Lösung etwas näher gekommen zu sein. Dennoch blieben schwarze Flecken auf der Linse und so recherchierte ich andere Interpretationsansätze. Dieser, meiner Meinung nach in sich schlüssigen und konsistenten Deutung des Films, kann ich jedoch 100%ig zustimmen: ENEMY (explained). Natürlich enthält dieses Video Spoiler und ist lediglich als Rettungsring nach der voraussichtlich anfänglichen Verwirrung gedacht.


9 / 10



Titel:                Enemy
Erscheinungsjahr:    2013
Altersfreigabe:      FSK 12
Regie:              Denis Villeneuve
Cast:               Jake Gyllenhaal, Mélanie Laurent, Isabella Rossellini, Sarah Gadon
Produktionsland:      Spanien, Kanada
Länge:               90 Minuten
Verfügbar auf:          Blu-Ray, DVD




Kommentare

  1. Toller Film. Ich war nach dem Kinobesuch total verwirrt und habe mich dann erstmal mit einem Youtube-Video, dass den Film erklärt, beholfen. Ein Jahr später hatten wir dann ein Angst-und-Schrecken-Seminar an der Uni und ich habe mir als Hausarbeitsthema den Doppelgänger herausgesucht und dann nochmal ENEMY sowie die Romanvorlage gesichtet und gelesen. Kleiner Hinweis: Das Buch ist noch verwirrender als der Film. :-)Ich finde, der Film wird mit der Zeit immer besser, wie ein guter Wein, weil man immer mehr Details entdeckt.

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    1. Ich werde ihn mir in ein paar Monaten bestimmt auch nochmal ansehen! :)

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