31. März 2016

REVIEW: Raum (2015) - "Um uns das Weltall"

  
der cineast Raum Joy und Jack basteln eine Girlande aus Eierschalen
© Universal

„Truck. Auswickeln. Springen. Rennen.“ Diese Instruktionen schärft eine Mutter ihrem kleinen Sohn immer und immer wieder ein. Was es damit genau auf sich hat, möchte ich zunächst nicht vorwegnehmen. Warum der Film für mich jedoch bereits jetzt als heißer Anwärter für den Film des Jahres gilt, möchte ich aber umso lieber verraten, denn RAUM ist in seiner Emotionalität kaum zu überbieten.

Ein Leben zu zweit auf 9 m² - so groß ist „Raum“. Der bestimmte Artikel ist hier überflüssig, denn für den kleinen Jack (Jacob Tremblay) ist Raum und die Dinge, die sich darin befinden alles was er kennt. Zusammen mit seiner ihn rührend umsorgenden Mutter Ma (Brie Larson) lebt der aufgeweckte Junge hier seitdem er sich erinnern kann. Neben zwei Stühlen, einem Tisch, einem Bett, einem Kleiderschrank, einem Waschbecken, einer Badewanne, einer Toilette und einer kleinen Küchenzeile gibt es noch einen Fernseher.
Ma hat ihm erklärt, dass es außerhalb von Raum nur noch das Weltall gibt, das er durch ein Oberlicht in der Decke sehen kann sowie den Fernsehplaneten - in dieser konstruierten Welt der Notlügen lebt Jack lebt. Generell bemüht sich Joy, so ihr Name, sehr darum, dass ihr Sprössling glücklich und wohlbehütet aufwächst. Sie spielt mit ihm, liest und singt ihm vor oder die beiden halten sich in den beengten Zuständen mit einigen Sportübungen fit. Kurz gesagt: sie sind unzertrennlich. Nur wenn „Old Nick“ (Sean Bridgers) zu Besuch kommt, muss der Junge im Kleiderschrank verschwinden. Eigentlich ist Jack ziemlich glücklich – nur einen Hund hätte er gerne noch, doch sein Leben soll sich an seinem 6. Geburtstag grundlegend verändern – und das liegt nicht an den fehlenden Kerzen auf seinem Kuchen, die einen mittelschweren Wutausbruch beim Geburtstagskind verursachen.

Alices Fall ins Kaninchenloch

Detailaufnahmen eines Mikrokosmos eröffnen RAUM. Sie verleihen dem animistischen Verhältnis, das Jack zum Inventar hat, Ausdruck. Gleichzeitig lernen wir die Welt mit den Augen eines ganz besonderen Kindes zu sehen. Und doch ist der Zuschauer zunächst orientierungslos. Auch weil man Jack durch seine langen Haare zunächst für ein Mädchen halten könnte. Über die Spieldauer sehen wir diesem Kind dabei zu, wie es eine Metamorphose durchschreitet. Diese beginnt eingewickelt in einem Teppich-Kokon und gipfelt in einer Wiedergeburt auf der Ladefläche eines Trucks unter den unendlichen Weiten des Himmels.
Wie stark wirken sich fehlende äußere Einflüsse auf die Entwicklung eines Menschen aus? Wie verhalten sich Menschen, die durch ihre räumliche Umgebung determiniert werden? Und wie lässt man die einzige Welt zurück, die man kennt? RAUM wirft viele solcher philosophischen Fragen auf und erinnert zugleich stark an Platons HÖHLENGLEICHNIS.

"Du wirst sie lieben, die Welt"

Für RAUM adaptierte Autorin Emma Donoghue ihren eigenen gleichnamigen Roman als Drehbuch. Regisseur Lenny Abrahamson hat daraus ein kleines, feinfühliges Meisterwerk geformt, das skandalöser Weise in Deutschland die große Bekanntheit verwehrt blieb. Kaum mit Werbemaßnahmen bedacht und von Kinobetreibern größtenteils übergangen. Dieser Umstand bricht einem mindestens genau so sehr das Herz wie der Film selbst – bleibt er doch so den großen Massen unverdient fern.
Abrahamson fokussiert sich in RAUM komplett auf die Beziehung zwischen Mutter und Kind und klammert die äußeren Umstände auch im zweiten Teil weitestgehend aus. Stellenweise etwas zu sehr. Darüber hinaus verliert der Film im späteren Verlauf leicht an Konzentration und Prägnanz, dies ist jedoch hauptsächlich im Szenenwechsel begründet.
Hauptdarstellerin Brie Larson wurde mehr als zurecht mit dem Oscar als Beste Hauptdarstellerin geehrt. Hungerte sie sich doch eigens für die Rolle einige Kilos runter und mied die Sonne um einen authentischeren Teint zu erhalten. Doch der wahre Zauber von RAUM geht von Jacob Tremblay aus. Ich lehne mich hier mal weit aus dem Fenster und sage, dass er wohl die beste Kinder-Performance abliefert, die ich bislang gesehen habe. Diesem jungen Mann stehen nun zurecht alle Türen offen. Hoffentlich werden wir ihn somit künftig noch öfter auf der Leinwand sehen können. Sowohl Larson als auch er waren vor RAUM eher unbeschriebene Blätter.

Lange wartete ich schon auf RAUM und wurde nicht enttäuscht. Auch nach der Sichtung des Films schießen mir beim Trailer immer noch die Tränen in die Augen und Gänsehaut überkommt mich. Die Handlung und deren Verlauf waren in meinen Augen jedoch bereits aus dem Trailer recht ersichtlich. Dennoch schafft es der Film den Zuschauer paradoxer Weise trotz oder vielleicht auch gerade wegen der gezeigten Enge den Zuschauer aus dem Kinoraum in eine ganz eigene Welt zu entführen.
RAUM ist eine Ode an die bedingungslose Liebe und das stärkste Band, das es auf dieser Erde zu geben vermag: das zwischen Mutter und Kind. Auch wenn RAUM in seiner Gesamtheit nicht zu knapp Schläge in die Magengrube austeilt, so steckt in diesem Film ein lebensbejahender und mehr als sehenswerter Kern. Und eines steht fest: nach RAUM sollte ein jeder seine Mutter einmal fest in die Arme schließen.


9 / 10



Titel:                Raum (Room)
Erscheinungsjahr:    2015
Altersfreigabe:      FSK 12
Regie:              Lenny Abrahamson
Cast:                Brie Larson, Jacob Tremblay, Joan Allen, Sean Bridgers, Tom McCamus,
                                 William H. Macy
Produktionsland:      Irland, Kanada
Länge:               118 Minuten
Kinostart:                  17. März 2016




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