20. Mai 2016

REVIEW: Remainder (2015) - "Die Unbeständigkeit der Erinnerung"

  
der cineast Filmblog Remainder Tom
© Piffl Medien

So wie die Uhren in Salvador Dalís Bild, auf das ich im Titel anspiele, zerfließen und unförmig werden, so verhält es sich auch mit den bruchstückhaften Erinnerungen des Protagonisten aus REMAINDER, den ich im Rahmen der Berlinale sehen durfte und der nun am 12. Mai in den deutschen Kinos anlief. Dabei gleich vorweg – man sollte sich nur bei klarem Kopf und scharfen Verstand im Kinosessel zurücklehnen. Denn Obacht: Hirnverknotungs-Gefahr!

Es regnet Glassplitter, als etwas das Glasdach einer Londoner Einkaufspassage durchschlägt. Ein Mann mit schwarzem Rollkoffer überquert die Straße und lässt sein Gepäckstück unerklärlicher Weise auf der anderen Seite zurück um das Spektakel näher zu beobachten, bis ihn etwas zu Boden reißt. Für den jungen Mann Tom (Tom Sturridge) ein einschneidendes Erlebnis, wie sich später herausstellen soll. Er liegt nach dem Vorfall im Koma, erwacht allerdings nach relativ kurzer Zeit wieder. Doch sein Gedächtnis hat massive Schäden erlitten: Tom kann sich weder an den Vorfall noch an seine Vergangenheit erinnern. Trotz dieses Umstands wird ihm eine Schmerzensgeld Zahlung von 8 ½ Millionen Pfund zugesprochen. Glück im Unglück sozusagen. Warum nicht glatte acht? Oder neun? Doch diese banalen Fragen wandeln sich schon bald in weitaus komplexere, denn ein sorgenfreier Neuanfang ist für Tom keine Option. Er will stattdessen um jeden Preis die Fragmente seiner Erinnerung wieder sinnvoll zusammenfügen. Die Schaffung einer neuen Identität oder sich selbst neu zu erfinden kommt für ihn nicht in Frage. Der Kampf um seine Vergangenheit beginnt – doch dafür muss er zunächst wieder im wahrsten Sinne auf die Beine kommen.
In der Zwischenzeit drängen sich immer weitere Fragen auf: Wie reagiert man auf eine Frau, die sich um einen kümmert und vertraut agiert? Wie geht man mit jemanden um, der sich als der beste Freund ausgibt? Um ein gewisses Maß an Ordnung in sein Leben zu bringen, engagiert Tom den adretten Berater Naz (Arsher Ali), der ihm für Geld jeden seiner exzentrischen Wünsche von den Augen abliest und seine geglaubte Realität wahr werden lässt. Schnell findet Naz das Haus aus Toms Erinnerungen. Dank dem unverhofften Geldsegen, wird es gekauft – die Bewohner müssen allerdings weichen. An ihre Stelle treten Schauspieler, denen präzise Rollen zugeteilt werden. Personen, deren Gesichtszüge in Toms Erinnerung verschwommen sind, werden sinnbildlich mit Strumpfmasken über dem Kopf unkenntlich gemacht und bewegen sich wie Phantome durch das Toms Schauspiel.
So soll ein Herr Chopin auf dem Klavier spielen, dabei muss der Geruch von gebratener Leber durch die Gemäuer ziehen parallel eine ältere Dame zum richtigen Zeitpunkt ihren Müll wegbringen und eine exakte Anzahl von Katzen auf dem Dach herumstromern. Doch diese lassen sich nicht von Toms Willen unterwerfen und fallen stattdessen immer wieder herunter. Naz lässt sie festbinden, doch das entspricht nicht Toms Erinnerungen – lieber lässt er immer wieder neue Katzen besorgen. Und dann ist da noch der kleine Junge im rot-blauem Anorak mit ausgestreckter Faust und einer Münze darin …

Vom Opfer zum Tyrann

In eben diesem Jungen vermutet der Protagonist die Schlüsselfigur zu seinen Geheimnissen. Tom wird zum verzweifelten Regisseur seines eigenen Lebens und verliert sich zunehmend in seiner zwanghaften Detailverliebtheit. Die Bemühungen seine Erinnerungen Stück für Stück zurückzukaufen und die permanenten Déjà-Vus nachzuinszenieren entwickeln sich zur Obsession. So wandelt sich die Person Tom schnell vom Opfer zum Tyrann. In seiner neuen alten Welt, in der sich der Mann ohne Gedächtnis bewegt, missbraucht Tom als deren Obrigkeit seine Macht und friert mit einem „Stopp“ nach Belieben die gesamte Szenerie ein. Seine geschaffene Welt wird zunehmend zur Realität für andere. Die engagierten Schauspieler müssen teilweise Stunden in ihrer Position ausharren nur weil Tom kein Zeichen des Abbruchs gegeben hat. Dieser Umstand mag maßgeblich dazu beitragen, dass man mit Tom als Protagonisten nicht so richtig warm wird und sich in REMAINDER durch die schier unendliche Verschachtelung zeitweise etwas orientierungslos fühlt. Auch das Setting wirkt steril, kalt, vakuumös. Gegen Ende entwickelt sich REMAINDER unerwartet immer weiter zu einem unvorhersehbaren Heist-Movie der ganz anderen Art - eine interessante Wendung in den Wirrungen des Films.

Zwischen Wahn und Wirklichkeit

Regisseur Omer Fast feiert mit REMAINDER sein Spielfilmdebüt. Der vorher als Künstler durch Videoinstallationen agierende Fast, adaptierte den gleichnamigen Roman von Tom McCarthy (zu Deutsch jedoch: 8 ½ Millionen) und wagte sich beim Thema seines Erstlingswerks gleich an harten Tobak. Doch Mindfuck-Filme – oder solche die es gerne wären und sich mit dem Thema Gedächtnisverlust beschäftigen – gibt es viele: nicht alle sind es auch wirklich. REMAINDER lässt jedoch den Kopf im Kinosessel rauchen und fordert die vollste Konzentration des Zuschauers ein. Eigentlich wollte Fast mit REMAINDER auch einen Schritt weitergehen und in seinem Film auf Probleme wie die zunehmende Gentrifizierung in Großstädten sowie den immensen Einfluss von Kapital und Macht aufzeigen. Doch diese Intention verkommt eher zur Randnotiz bzw. verbleibt im Schatten des Erinngerungs-Sogs.

Mit REMAINDER gelingt Fast ein virtuoser Balanceakt zwischen Realität und Rekonstruktion. Der Film endet wo alles begann und vice versa – eine kreisförmige Struktur, die auch nach der Sichtung für kreisende Gedanken sorgt. Vieles scheint letzten Endes geklärt – und doch bleibt ein ungeklärter Rest, was „Remainder“ auch übersetzt bedeutet und den ich zunächst fälschlicher Weise „Reminder“ ausgesprochen habe. Ich könnte mir jedoch vorstellen, dass dieses Wortspiel durchaus beabsichtigt gewesen sein könnte. Am Ende ist REMAINDER ein vertrackter Film, der zu wilden Spekulationen anregt und den man wohl einige Male gesehen haben muss um das Gefühl zu haben, des Rätsels Lösung auf die Schliche gekommen zu sein. Doch es bleibt ein Bodensatz wie beim Kaffee, die Überbleibsel aus denen man versuchen kann zu lesen und sich einen höheren Sinn erhofft.


7,5 / 10



Titel:                Remainder
Erscheinungsjahr:    2015
Altersfreigabe:      FSK 12
Regie:              Omer Fast
Cast:                Tom Sturridge, Cush Jumbo, Ed Speleers, Danny Webb, Nicholas Farrell,
                                 Arsher Ali
Produktionsland:      Deutschland, Großbritannien
Länge:               97 Minuten
Kinostart:                 12. Mai 2016



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