12. Juni 2016

REVIEW: The Lobster (2015) - "Gleich und Gleich gesellt sich gern"

  
der cineast Filmblog The Lobster David sitzt alleine am Pool
© Yorck Kinogruppe / Park Circus Ltd

Es ist immer wieder die Rede von der „Generation Beziehungsunfähig“. Jeder scheint auf der Suche nach einem Seelenverwandten zu sein - dennoch will man sich nicht binden, in der Befürchtung es könnte noch jemand besseres um die Ecke daher kommen. Doch was wäre wenn wir in einer Welt leben würden, in der das Single-Dasein verboten ist? Diese düstere, auf die Spitze getriebene Liebes-Dystopie zeichnet der griechische Regisseur Giorgos Lanthimos in seinem Film THE LOBSTER.

David (Colin Farrell) wurde kürzlich von seiner Frau verlassen. Und das nach fast zwölf Jahren Ehe – nein, um genau zu sein nach elf Jahren und einem Monat. Doch keine Zeit für lange Gesichter! David muss sich umgehend in ein Hotel begeben, in dem er 45 Tage Zeit hat um eine neue Partnerin zu finden. Sollte ihm dies nach Ablauf der Frist nicht gelingen, wird er in ein Tier seiner Wahl verwandelt und in der Wildnis ausgesetzt. Immerhin weiß David schon was er werden will, sollte das Unterfangen nicht glücken: ein Hummer soll es sein. Doch bereits beim Check-In kommt es zu Schwierigkeiten. Begleitet von seinem Bruder, mit dem es das Schicksal nicht so gut meinte und nun sein Dasein als Hund fristet, gilt es zunächst einige Formalien zu klären. Sexualität: hetero oder homo? Es gibt nur diese beiden Möglichkeiten. Aber David will sich nicht festlegen – er ist ein wenig von beidem, so hatte er im College erste homosexuelle Erfahrungen gesammelt. Doch die Option „bisexuell“ wurde abgeschafft - zu viele Komplikationen. Also doch „hetero“. 
Im Hotel wird strickt nach Pärchen und Singles getrennt – ein Zwei-Klassen-Betrieb. Paarsportarten wie Tennis oder Badminton sind verboten, Golfen und Schwimmen ist okay. Ebenfalls strengstens verboten: Masturbation. Die männlichen Gäste werden jedoch durch mit dem Hintern wackelnde Zimmermädchen sexuell stimuliert. Rauchen ist auch nicht erwünscht, da es einem guten Atem und dem Küssen nicht sonderlich zuträglich sei. Ansonsten durchläuft David von nun an diverse Tanztees oder sonstige gesellige Veranstaltungen. Doch wenn die Sirene ertönt, heißt es: auf zur Jagd! Mit Betäubungsgewehren bewaffnet geht es in den Wald - entflohene Singles einfangen. Für jeden erlegten Single gibt es einen zusätzlichen Tag im Hotel.
David ist jedoch kein guter Schütze und so naht sein letzter Tag schneller als ihm lieb ist, bevor er zu „David mit den Scherenhänden“ wird. Um diesem Schicksal zu entgehen, flüchtet auch er in die Tiefen der Wälder und schließt sich der Gruppe der Loner an. Diese werden von einer strengüberzeugten Singlefrau (Léa Seydoux) mit ähnlich strengen Regel wie im Hotel angeführt. Immerhin darf man endlich masturbieren, aber flirten oder sich gar verlieben ist strengstens verboten. - ansonsten winken drakonische Strafen.  Doch ausgerechnet hier verliebt sich David in „die kurzsichtige Frau“ (Rachel Weisz). Eine verbotene Gefühlsregung, die die beiden schon bald blind vor Liebe werden lässt ...

Carpe diem

Eine Frau macht sich zu Beginn auf den Weg in die regnerischen Einöde um einen von zwei Eseln zu erschießen, die auf einer kargen Weide grasen. Was es damit auf sich haben könnte, lässt sich auch nach Sichtung von THE LOBSTER nur erahnen. 
Im ersten englischsprachigen Werk aus der Feder von Regisseur Yorgos Lanthimos und seinem Co-Autor Efthymis Filippo wird eine finstere in beige-gehaltene Beziehungs-Dystopie irgendwo zwischen bitterem Ernst und surrealer Komik gezeichnet.
Rachel Weisz, die man erst in der zweiten Hälfte sehen bekommt, führt mit ihrer trockenen, emotionslosen und erklärenden Erzählerstimme angenehm durch den Film.
THE LOBSTER könnte man durchaus als Tinder-Parabel verstehen, ein auf die Spitze getriebenes Abbild unserer Dating-Gepflogenheiten. Der Film mag bizarr sein, doch bei genauerem Hinsehen unterscheiden sich die gezeigten Konventionen beunruhigend wenig von unseren momentanen. So gilt die monogame Zweierbeziehung in weiten Teilen der Welt noch immer als unangefochtenes Ideal – Alleinstehende werden oft zweifelhaft beäugt oder gar bemitleidet. Ein deutlich spürbarer gesellschaftlicher Druck, der in THE LOBSTER zum auferlegten Zwang wird, der in einer Rassen-gleichen Unterscheidung zwischen Paaren und Singles gipfelt.

Gegensätze ziehen sich an – nicht

In Lanthimos filmischen Welt ist der Wahn nach Gleichheit schier grenzenlos. So wird auch nicht vor Lügen zurückgeschreckt um eine Gemeinsamkeit vorzugaukeln und die Partnerin fürs Leben zu finden. Dafür wird gerne die Nase gegen einen Tisch geschlagen um mit einer Dame mit permanenten Nasenbluten kompatibel zu sein.  THE LOBSTER erinnert an eine verdrehte Version der Arche Noah. Ob ein verwandeltes Tier seinen Gefährten findet ist ungewiss – was dafür umso sicherer ist: in der Stadt (direkter Artikel ausreichend) dürfen nur Pärchen mit einem Zertifikat leben, das ihren Beziehungsstatus offiziell belegt.
Was ist unerträglicher: mit jemandem zusammen sein zu müssen, oder nicht lieben zu dürfen?
THE LOBSTER wirft eine Vielzahl von Fragen auf, über die sich das Nachdenken lohnt. Nichtsdestotrotz ist Regisseur ein gewohnt sehr gelungener Film und detailliert durchdachtes Gedankenexperiment gelungen, bei dem sich einige Puzzleteile dennoch nicht vollständig zusammenfügen lassen oder sich ein klarer Grund aus einigen Handlungen ergäbe. Auch hätte dem Film nach hinten heraus ein paar Minuten weniger nicht geschadet. Doch ein bisschen ausschweifende Mystik kann man verzeihen. Mir bleibt nur noch zu sagen: Bravo & ein Hoch auf das griechische Kino!


8,5 / 10



Titel:                The Lobster
Erscheinungsjahr:    2015
Altersfreigabe:      FSK 16
Regie:              Giorgos Lanthimos
Cast:                Colin Farrell, Rachel Weisz, Léa Seydoux, Ben Whishaw,
                                 John C. Reilly, Jessica Barden, Olivia Colman, Ariane Labed
Produktionsland:      Griechenland, Großbritannien, Frankreich
Länge:               118 Minuten
Verfügbar auf:           DVD




Kommentare

  1. Ich glaube, ich habe den Film nicht ganz verstanden. War mir zu verworren.

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