19. Juni 2016

REVIEW: The Neon Demon (2016) - "Ein Diamant in einem Meer aus Glas"

  
der cineast Filmblog Jesse wird zum Neon Demon
© Koch Media

Er ist wieder da. Nicolas Winding Refn oder ganz kurz NWR, das Kürzel mit dem er nur zu gerne seine Werke gleich einem Künstler unterschreibt. Drei lange Jahre mussten Fans nach dem eher verrissenen ONLY GOD FORGIVES auf einen neuen Film aus der Feder des Dänen warten. Jetzt ist der Neon-Visionär mit THE NEON DEMON zurück – und so viel sei gleich vorweg gesagt: Refn zaubert ein unvergleichliches visuelles Erlebnis auf die Leinwand, das man unbedingt (!) im Lichtspielhaus seines Vertrauens gesehen haben muss!

L.A. – Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten, Glamourwelt und Schauplatz zahlloser Träume und Abgründe. In eben diesen Sündenpfuhl verschlägt es die zunächst schüchterne Kleinstadt-Schönheit Jesse (Elle Fanning). Wie sie selbst von sich behauptet ist ihr einziges „Talent“ ihre Schönheit und möchte sich daher im Modebusiness versuchen. Schon bald macht der angehende Fotograph Dean (Karl Glusman) die ersten Aufnahmen von ihr. Dort trifft sie auf die Make-Up Artistin Ruby (Jenna Malone), die von dem jungen Mädchen völlig fasziniert ist – die Beiden freunden sich schnell an und zusammen mit Ruby taucht sie in das aufregende Nachtleben von Los Angeles ein.
Mit Deans Aufnahmen bewirbt Jesse sich kurz darauf bei der Modelagentur von Roberta Hoffmann (Christina Hendricks), die in Jesse das gewisse Etwas sieht und überzeugt ist, dass sie es weit bringen kann. Doch schon bald sieht sich Jesse Anfeindungen gegenüber. So ruft ihre Schönheit nicht nur Neider wie die beiden Models Gigi (Bella Heathcote) und Sarah (Abbey Lee) sondern auch Männer wie den zwielichtigen Motelbesitzer Hank (Keanu Reeves) oder den ominösen Modefotograph Jack (Desmond Harrington) auf den Plan. Wird Jesse an diesem Geflecht aus Böswilligkeiten und Erfolg zerbrechen?

Beauty isn’t everything – it’s the only thing

Protagonistin Jesse macht in THE NEON DEMON eine nur scheinbar umfassende 180° Wandlung durch – schon Ihre Mutter schätzte sie als gefährlich ein, schlummert doch etwas Düsteres in ihr. Doch zunächst ist sie die Unschuld vom Lande, eine Blume, die zunehmend verwelkt. Erst auf dem Runway einer großen Show scheint er zu erwachen, der „Neon Demon“. Das mädchenhafte, luftige lila Kleid wird in die Ecke verbannt und weicht sexy Partyoutfits.
Jeder will ein Stück von ihr. Neid und Sexismus umkreisen sie bedrohlich wie ein Puma, der sich eines Nachts den Weg in ihr Motelzimmer bahnt und ob sie es will oder nicht - sie ist den Mächten ausgeliefert, die auf sie einwirken.
Elle Fanning spielt grandios, die Kamera liebt die 18-jährige Schauspielerin. Der gesamte Cast scheint stimmig – wäre da nicht Keanu Reeves. Der ist als schmieriger, lüsternder Motelbesitzer nämlich völlig fehl am Platz. Eine Enttäuschung – hatte ich mich doch nach JOHN WICK darauf gefreut ihn wieder auf der Leinwand zu sehen. Hier liegtdie Vermutung nahe, dass für den Namen auf dem Filmplakat gecastet wurde - hätte doch wohl jeder andere, grimmig dreinblickende Schauspieler diese Rolle übernehmen können.
Auch muss ich zugeben, dass sich der Film stellenweise zieht und für Refns Verhältnisse relativ brav bleibt, auch wenn er gesellschaftliche Tabus thematisiert, die man in dieser Form nicht unbedingt vorhersieht (an dieser Stelle möchte ich nicht zu viel verraten). Doch muss es immer Brutalität um ihretwillen geben?

Wie Schuppen Glitzer von den Augen fallen

THE NEON DEMON hatte es von Anfang an schwer. Nicht nur das Damokles Schwert DRIVE lastete auf ihm, sondern auch der der verrissene ONLY GOD FORGIVES sorgte für hohe Erwartungen an einen besseren Film. THE NEON DEMON wird als Horrorfilm vermarktet, ein Umstand der nur teilweise stimmt. Refn, der sich in verschiedenen Genre ausprobiert, wollte laut eigenen Angaben einen Horrorfilm ohne typischen Horror schaffen. Und das ist ihm gelungen, denn von THE NEON DEMON geht ein ganz eigenes Unbehagen aus.
NWR reizte schon immer einen Film über Schönheit, die ihn Tag für Tag umgibt. Und davon strotzt THE NEON DEMON förmlich – dieser Film ist Schönheit bis in die tiefste, mit Glitzer bedeckte Pore porzellanhafter Haut. Dies wird abermals durch den erstklassigen Score von Haus und Hof Komponist Cliff Martinez untermalt. Mal puppenhaft klimpernd – mal ausdrucksstark wummernde, treibende und pulsierende Beats. Ebenfalls mit an Bord ist Sia mit ihrem Credit-Song „Waving Goodbye“ und Refns Neffe Julian Winding, der zwei Songs zum Soundtrack beigesteuert hat.
Alles in allem ist THE NEON DEMON keine Branchenkritik des Modebusiness sondern eher ein kritisch belichtetes Abbild dieser. Oberflächlicher Small-Talk auf Damentoiletten, bizarre, bondagehafte Tuchakrobatik auf nach Epilepsie schreienden, dunklen, neondurchflutenden Partys – verschmähte Liebe und noch vieles mehr: Refn hält uns den Spiegel vor. Schönheit ist eine Währung, Kapital. Doch sie ist austauschbar und von vergänglichem Wert.

Nach seiner Exploration männlicher Archetypen, widmete sich NWR in THE NEON DEMON nun einem deutlich weiblicheren Sujet und wurde er von einigen Seiten als „Frauenfilm“ abgetan. Außen Hui innen Pfui? – Ich kann viele der Kritikpunkte von Bloggerkollegen und Journalisten nachvollziehen, doch das Herz will was das Herz begehrt! Ich für meinen Teil kam mit einem wild wummerndem Herzen aus der Pressevorführung und möchte daher nicht ausschließen, dass ich mir THE NEON DEMON noch einmal im Kino ansehen werde, denn einen Refn bekommt man schließlich nicht alle Tage geboten! 


8,5 / 10



Titel:                The Neon Demon
Erscheinungsjahr:    2016
Altersfreigabe:      FSK 16
Regie:              Nicolas Winding Refn
Cast:                Elle Fanning, Karl Glusman, Jena Malone, Bella Heathcote, Abbey Lee,
                                 Christina Hendricks, Keanu Reeves, Desmond Harrington
Produktionsland:      Dänemark, Frankreich, USA
Länge:               117 Minuten
Kinostart:                  23. Juni 2016



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