29. Juli 2016

REVIEW: Dibbuk - Eine Hochzeit in Polen (2015) - "Unerwünschter Hochzeitsgast"

  
der cineast Filmblog Dibbuk Piotr ist scheinbar von einem Dämon besessen
© Drop-Out Cinema

Der letzte Film des polnischen Regisseurs Marcin Wrona birgt so manches Geheimnis. Nicht nur die Handlung – auch das Ableben des Regisseurs selbst. Denn im September 2015 nahm sich Wrona im Alter von 42 Jahren im Badezimmer seines Hotelzimmers das Leben – kurz nach der Weltpremiere seines Films DIBBUK. Was bleibt vom polnischen Hoffnungsträger und seinem letzten Werk?

„Ein Dibbuk (auch Dybuk oder Dybbuk genannt; Pl. Dibbukim; hebräisch דיבוק = „Anhaftung“) ist nach jüdischem Volksglauben ein oft böser Totengeist, der in den Körper eines Lebenden eintritt und bei diesem irrationales Verhalten bewirkt.“
- Wikipedia

Es hätte alles so schön sein können. Piotr (Itay Tiran) liebt Zaneta (Agnieszka Zulewska). Zaneta liebt Piotr. Beide wollen nun heiraten. Ihr Hochzeitsgeschenk: das alte Bauernhaus von Zanetas Großeltern in einem kleinen, polnischen Dorf, das der Brautvater an das Paar übergibt. Doch dieser ist von seinem künftigen Schwiegersohn nicht gänzlich begeistert – ist Piotr doch in England großgeworden und erst jetzt in seine „Heimat“ zurückgekehrt.
Voller Tatendrang macht sich Piotr mit schwerem Gerät bereits daran eine Grube für den Swimmingpool auszuheben, macht dabei jedoch eine schreckliche Entdeckung, die ihn im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr loslassen soll: menschliche Gebeine. Von dieser grausigen Entdeckung erzählt der Bräutigam jedoch niemandem etwas und versucht das Gesehene möglichst schnell zu vergessen.
Die Feierlichkeiten nehmen indes ihren Lauf – die Scheune, in der gefeiert werden soll, füllt sich mit Gästen und Dorfbewohnern. Piotr, der „Engländer“, wird von allen mal mehr mal weniger argwöhnisch beäugt. So ganz will er mit seinem gebrochenen polnisch nicht in die Gemeinschaft passen. Doch nicht nur das – Piotr verhält sich zunehmend seltsam. Etwas scheint von ihm Besitz ergriffen zu haben - doch während er qualvoll leidet, tanzt, trinkt und lacht die Hochzeitsgesellschaft munter weiter.

Die Vergangenheit ruht nicht

Der deutsche Titel DIBBUK – Eine Hochzeit in Polen ist ausnahmsweise treffender als der Originaltitel DEMON, wobei man sich auch hier den Titelzusatz wieder hätte sparen können (denn die tun nie viel für einen Film). Wo der Originaltitel profillos bleibt, trifft der Begriff „Dibbuk“ den Nagel auf den Kopf. Denn von so einem Dibbuk, in jüdischen Volkssagen eine Seele, die in den Körper eines Lebenden schlüpft, ist der Protagonist besessen. Juden leben kaum noch im Lubliner Land, ihre Spuren scheinen verschwunden. Der Nebel der Vergangenheit liegt verhangen über dem Dörfchen und seinen Bewohnern – will man doch gewisse Teile der Geschichte unter dem Deckmantel der Vergessenheit im Keime ersticken und sich in Schweigen hüllen. Eine nuancierte Gesellschaftskritik Polens im Umgang mit dem Holocaust.
Auch die Problematik der scheinbaren Heimatlosigkeit wird hier thematisiert. So stammt Piotrs Familie zwar aus Polen, er selbst ist jedoch in England groß geworden und wird daher nicht als „vollwertiger“ Pole angesehen.

Seichter Arthouse-Horror

DIBBUK ist äußerst atmosphärisch und kein Horrorfilm im herkömmlichen Sinne. Wer herumspritzendes Blut, Jump-Scares und Ähnliches sucht, wird hier nicht fündig. Der sepia-grau verhangene Film spielt mit dem unterschwelligen Grauen. Nicht der Schrecken, sondern viel mehr Schmerz erfüllt den Film. Auch ein gewisses Unbehagen, denn alles scheint karg und menschenleer – so wirklich wohl und willkommen will man sich trotz der bevorstehenden Hochzeit daher nicht fühlen.
Marcin Wrona hat sich in seinem Film an einer Vereinigung von Volksmärchen, Gesellschaftskritik und Geschichte versucht, die allerdings nicht ganz gelingen will. Sonst ein Fan des Unterschwelligen, Filigranen, hat es DIBBUK leider nicht geschafft mich persönlich gänzlich in seinen Bann zu ziehen. Nicht pointiert genug sind die einzelnen Elemente, deren Ansätze durchaus interessant anzuschauen sind und viel Potential enthalten – stellenweise jedoch zu einem gelb-stichigen Ammenmärchen verschwimmen. Wirkliche Überraschungsmomente bleiben aus. Nichtsdestotrotz ist DIBBUK – Eine Hochzeit in Polen ein gelungener Vertreter des subtilen Arthouse-Horrors und gerade für Genrefans einen Blick wert.


6 / 10



Titel:                Dibbuk - Eine Hochzeit in Polen (Demon)
Erscheinungsjahr:    2015
Altersfreigabe:      FSK 12
Regie:              Marcin Wrona
Cast:                Itay Tiran, Agnieszka Zulewska, Andrzej Grabowski, Tomasz Schuchardt,
                                 Katarzyna Herman
Produktionsland:      Polen, Israel
Länge:               94 Minuten
Kinostart:                  28. Juli 2016





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