10. Juli 2016

REVIEW: The Tribe (2014) - "Gestik und Gewalt"

  
© Rapid Eye Movie

„Dieser Film ist in Gebärdensprache. Er verzichtet bewusst auf Übersetzungen, Untertitel und Voice-over.“ So die Warnung zu Beginn des Films. Regisseur Myroslav Slaboshpytskiy hat einen außergewöhnlichen Film geschaffen: brachial, unangenehm, kompromisslos. THE TRIBE ist wahrlich nichts für schwache Gemüter – so fällt es in einigen Szenen wirklich schwer nicht die Hände vor die Augen zu schlagen. Trotz dieses Bedürfnisses, öffnet der Film die Augen.

Der zunächst namenlose Protagonist Sergey (Grigoriy Fesenko), dessen Identität - wie die aller anderen Akteure - erst in den Credits aufgelöst wird, bahnt sich seinen Weg zu einem Internat für Gehörlose. Zu der stillen, im Hinterhof stattfindenden Begrüßungszeremonie kommt er allerdings zu spät. Eltern führen ihre Kinder an der Hand, Blumen werden überreicht.
Im Klassenzimmer angekommen, setzt sich Sergey auf einen freien Platz – dabei wird kaum Notiz von ihm genommen. Das Ende des augenscheinlichen Geografie-Unterrichts läutet statt einer herkömmlichen Schulglocke eine aufblickende Leuchte über der Tafel an.
Es folgen die mehr oder weniger üblichen Martyrien des ersten Schultages: Mensa-Platz-Suche, entwendetes Tablett, Demütigungen. Doch das gehört dazu, wenn man zum Tribe, zum Stamm, gehören möchte. Auch der regelmäßige Verkauf von billigen Plüschtieren in Zügen und das damit verbundene Beklauen von Passagieren steht auf der Tagesordnung, um der Clique Geld zu verschaffen.
Generell scheint jedes Mittel recht um den Tribe mit finanziellen Mitteln zu versorgen. So werden auch die Mädchen regelmäßig zum Truckerstrich chauffiert und verkaufen dort Nacht für Nacht ihren Körper – ganz im Sinne der Bande. Als der bisherige Zuhälter seinen Tod durch einen zurücksetzenden Truck findet, den er nicht gehört hat, übernimmt Sergey diese Rolle und steigt somit stark in der Gruppenhierarchie auf. Doch als sich Sergey in Klassenkameradin Anna (Yana Novikova), die eben auf diesem Stich arbeitet, verliebt, durchbricht er damit den Stammeskodex und wird zunehmend verstoßen.

Sprechende Körper

Stille. Naja nicht ganz – selektiv sind Alltagsgeräusche zu hören. Es macht sich Unbehagen breit. Ein Gefühl des Ausgeschlossen-Seins – besonders bei den inszenierten, minutenlangen Dialogen. Der ukrainische Regisseur Myroslav Slaboshpytskiy entführt uns in seinem konsequent von gehörlosen Laiendarstellern gespielten Film, der ohne Untertitel, Übersetzungen und Erklärungen auskommt, in eine scheinbare Parallelwelt mitsamt ihren eigenen Regeln und speziellen Gefahren. Damit diskriminiert Slaboshpytskiy natürlich gewissermaßen andere „Fremdsprachen“, doch die Sprache des Körpers ist universell.
Hier und da würde man dennoch gerne - besonders anfangs - verstehen was sie Jugendlichen sagen, wenn die scharfkantigen Bewegungen durch die Luft schnellen und das Klatschen aufeinander prallender Haut beim wilden Gestikulieren ertönt. Ist das Gefuchtel Streit oder doch Leidenschaft? Worum es im Großen und Ganzen geht, erschließt sich dem Zuschauer jedoch auch so.
Leider konzentriert sich THE TRIBE fast ausschließlich auf die „dunkle Seite der Medaille“. Der Schulalltag findet in den nächtlich-kriminellen Settings keinen Platz. Unter diesem Fakt leidet stellenweise die Authentizität des Films.

Im freien Fall

THE TRIBE ist roh und schmerzlich. Die Szene in der die ungewollt schwangere Anna eine Engelmacherin aufsucht, die in einem Hinterzimmer unter desaströsen Umständen eine illegale Abtreibungen vornimmt, geht in Mark und Bein über und zerreißt einem das Herz. Auch die Endszene von THE TRIBE ist in ihrer Brachialität kaum zu überbieten und brennt sich unangenehm in die Filmseele. Mittlerweile Arthaus-typischer, kalkulierter Skandal? Es scheint stellenweise so leicht einzugreifen, doch Kameramann Walentyn Wasjanowytsch hält drauf und hinterlässt den Zuschauer machtlos – ein hilfloser Voyeur. Doch genau das macht den Film partiell etwas langwierig und zäh.
Die Produktion unterlag dabei einigen Schwierigkeiten. Der Drehort war Kiew – zu dieser Zeit Zentrum der Maidan-Revolution. Aufgrund dessen kam es zu vielen Verzögerungen. Wer sich annähernd für diesen Teil der modernen Geschichte interessiert, möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich die Dokumentation WINTER ON FIRE: UKRAINE’S FIGHT FOR FREEDOM empfehlen. Diese Netflix-Produktion war sogar bei den Oscars 2015 als beste Dokumentation nominiert.

THE TRIBE ist eine Hommage an die Stummfilme vergangener Tage. Dabei transportiert er das Konzept authentisch modern ins hier und heute ohne eine Kopie à la THE ARTIST sein zu wollen. Der Film ist wahrlich ein „Feel-Bad-Movie“, der den Zuschauer „back to the roots“ des Kinos führt. 
THE TRIBE läutet die Reihe „Freie Radikale“ beim Kölner Filmlabel Rapid Eye Movies ein. Hierbei handelt es sich ähnlich der „Kino Kontrovers“ Reihe um Filme, die sich auf harte, provokante Geschichten und Brüche der Erzählkonventionen konzentriert.


8 / 10



Titel:                The Tribe (Plemya)
Erscheinungsjahr:    2014
Altersfreigabe:      FSK 16
Regie:              Miroslav Slaboshpitsky
Cast:                Grigoriy Fesenko, Yana Novikova, Rosa Babiy, Alexander Dsiadevich
Produktionsland:      Ukraine
Länge:               132 Minuten
Verfügbar auf:           DVD



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