25. August 2016

REVIEW: Imperium (2016) - "Ideologischer Drahtseilakt"

  
der cineast Filmblog Imperium Daniel Radcliffe auf einer White Power Demonstration
© Ascot Elite

Harry Potter als Neo-Nazi. Eine gekonnte Vermarktungsstrategie bei einem erneuten Versuch Daniel Radcliffes sich von seiner Kindheitsrolle des Zauberlehrlings aus Hogwarts loszureißen. IMPERIUM beruht dabei auf wahren Begebenheiten und verarbeitet die Eindrücke von Michal German, der jahrelang für das FBI undercover in der rechtsradikalen Szene gearbeitet und zusammen mit Regisseur Daniel Ragussis das Drehbuch verfasst hat. Beinahe zeitgleich zum US-Start wurde IMPERIUM auch auf dem FANTASY FILMFEST gezeigt. Wie performt Daniel Radcliffe in einer derartig ernsten Rolle?

Der Außenseiter Nate Foster (Daniel Radcliffe) ist als Übersetzer für das FBI tätig. Er hört gerne Brahms oder liest gerne ein Buch bei einem guten Glas Rotwein. Im Büro wird der Sonderling getriezt und bleibt auch sonst eher im Hintergrund. Doch als ein muslimischer Terrorverdächtiger bei den Vorbereitungen eines vermeidlichen Anschlags verhaftet wird, sind im Verhör Nates Übersetzungsfähigkeiten und Einfühlungsvermögen gefragt. Diese menschlichen Kompetenzen entgehen auch der FBI-Agentin Angela Zamparo (Toni Collette) nicht. Verärgert über die Fixierung ihrer Kollegen auf den Anti-Terror-Kampf, will sie auf die drohende, innere Gefahr durch rechtsextreme, weiße Rassisten aufmerksam machen, die ihrer Meinung nach einen Rassenkrieg einläuten wollen.
Trotz fehlender Erfahrung in der Feldarbeit hält Zamparo Nate für den idealen Kandidaten: er soll sich als ehemaliger, desillusionierter Marine in die White Power Bewegung einschleusen und Beweise gegen den radikalen Internet-Radiomoderators Dallas Wolf (Tracy Letts) sammeln, der einen Anschlag mit radioaktivem Material planen soll.

“Words build bridges into unexplored regions.”

Mit diesem Zitat wird IMPERIUM eingeleitet. Es stammt von keinem geringeren als Adolf Hitler selbst. Wer hätte ihm schon solch weise Worte zugetraut? Eben dieses Zitat vermittelt zugleich einen der wesentlichen Punkte des Thrillers: Rechtsgesinnte sind nicht immer glatzköpfige Vollidioten mit Springerstiefeln und Bomberjacken. Auch weltoffene Akademiker können einer rechten Gesinnung verfallen sein. So trifft Nate neben den Klicheenazis auch auf den Ingenieur Gerry (Sam Trammell), der regelmäßig zu vegetarischen Nazi-Netzwerk-Barbecues lädt, bei denen seine Frau auch liebevoll verzierte Hakenkreuz-Cupcakes serviert und seine bereits ideologisierten Kinder durch den Garten flitzen.
Beim gemeinsamen Lauschen von klassischer Musik in seinem Wohnzimmer, freunden sich Nate und Gerry zunehmend an. Dabei ist Gerry so anders als die „Skinheads“, die er in seinem Haus versammelt. So hört Gerry auch jüdische Klassik, denn Juden hätten schließlich auch Wagner gehört. In dieser Ambivalenz hat IMPERIUM seine Stärke: auf der einen Seite der klare Undercover-Auftrag, auf der anderen Seite die Vermischung von professioneller Einfühlung mit persönlichen Sympathien.

Allein unter Wölfen

IMPERIUM ist kein wirklich innovativer Film. Schon andere Spielfilme setzten sich mit der rechten Subkultur in den USA auseinander wie z. B. AMERICAN HISTORY X oder INSIDE A SKINHEAD. Doch IMPERIUM lässt in Zeiten einer immer rechter werdenden Gesinnung in großen Teilen der Welt einen anderen Blickwinkel zu. Rechtsradikales Gedankengut und Extremismus macht auch vor „oberen Bildungsschichten“ nicht halt. Ein Umstand, der einem schmerzlich vor Augen geführt wird gegen den man sich während des Films nicht verschließen kann. Erschreckenderweise ertappt man sich dann und wann dabei diese Extremisten zu verstehen und sich gewissermaßen in sie hineinzuversetzen - der Zuschauer befindet sich also in einer ähnlichen Situation wie der Protagonist.

IMPERIUM illustriert eine Gefahr, derer wir uns im Angesicht des IS vielleicht noch nicht bewusst genug sind. Eine innere Bedrohung. Dabei zeichnet der Film durchaus ein beängstigendes Portrait einer radikalen Subkultur, ihrer Mechanismen, Vorstellungen und Ideale. Radcliffe hat hier Mut zur Rolle bewiesen, auch wenn der eher schmächtige Schauspieler wohl kaum einen realistischen Exmarine abgibt. Auch schade: das Ende des Films kommt dann doch recht abrupt – ein pointierter Spannungshöhepunkt bleibt aus. IMPERIUM fühlt sich zudem irgendwie nach Fincher an. Besonders die Farbgestaltung erinnert an Werke des Regisseurs.
Nichtsdestotrotz ist IMPERIUM ein spannender FBI-Thriller, der uns dank wahrer Begebenheiten und echter Berichte Einblicke ermöglicht – auch, wenn Toni Collettes schmatzendes Dauer-Kaugummigekaue einem hier und da zuweilen den letzten Nerv rauben kann.


6,5 / 10


Titel:                Imperium
Erscheinungsjahr:    2016
Altersfreigabe:      FSK ?
Regie:              Daniel Ragussis
Cast:                Daniel Radcliffe, Toni Collette, Burn Gorman, Nestor Carbonell, Seth Numrich,
                                 Sam Trammell, Chris Sullivan, Tracy Letts
Produktionsland:      USA
Länge:               109 Minuten
Verfügbar auf:           Blu-Ray, DVD (ab 09. Dezember 2016)



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