23. August 2016

REVIEW: Psycho Raman (2016) - "Mörderischer Nachtfuchs"

  
der cineast Filmblog Psycho Raman hält Ausschau
© Rapid Eye Movies

Machen wir uns nichts vor – Indien ist filmtechnisch einer der produktivsten Länder der Welt, jedoch fällt die Bandbreite äußerst gering aus. So assoziieren die meisten Leute den indischen Film mit Bollywood oder epischen Schlachtszenerien. Auch ich habe mich seit meiner Bollywood-Phase vor 10 Jahren nicht mehr für Filme aus Indien interessiert bzw. habe diesen Markt nicht weiter verfolgt. Dies sollte sich zum diesjährigen FANTASY FILMFEST ändern, denn als Centerpiece wurde dieses Jahr ein indischer Film ausgewählt – ein Umstand, der mein Interesse weckte. Stellt PSYCHO RAMAN den Befreiungsschlag für ein neues Indien aus cineastischer Sicht dar?

Als sich der psychopathische Killer Raman (Nawazuddin Siddiqui) der örtlichen Polizei in Mumbai stellt, hat er zu diesem Zeitpunkt bereits neun Menschen getötet. Doch der drogenabhängige Kommissar Raghav (Vicky Kaushal) glaubt dem mittellosen Mann nicht sondern vermutet, dass sich dieser durch das Geständnis ein Dach über dem Kopf und eine warme Mahlzeit durch den Gefängnisaufenthalt erschleichen will. Verärgert lässt er den Mann von seinen Kollegen verprügeln und drei Tage lang ohne jegliche Nahrung einsperren.
Von Passanten aufgefunden und erneut auf freien Fuß gesetzt, geht Raman seiner willkürlichen Lust am Morden erneut nach. Doch als Raman Schwester, Schwager und Neffe blutrünstig ermordet und Raghav mit dem Fall betraut wird, wird diesem klar, dass er den Mörder hat zuvor laufen lassen.
Der Beginn eines dreckigen Katz-und-Maus-Spiels durch die indische Metropole beginnt, bei dem sich ihre Wege jedoch immer wieder kreuzen sollen und sich die scheinbaren Kontrahenten sogar anzuziehen scheinen ...

Sunglasses At Night

Über vier Jahre lang trieb Raman Raghav von 1965 bis 1969 sein Unwesen in Mumbai. Laut eigenen Angaben tötete er 41 Menschen und versetzte eine ganze Stadt in Angst und Schrecken. Ob diese Zahl der Realität entsprach, lässt sich schwer sagen, denn das Morden war für „Psycho Raman“, wie die Presse ihn taufte, eine ganz natürliche und beiläufige Handlung, weshalb er irgendwann das Zählen seiner Opfer aufgab. Doch Regisseur Anurag Kashyap verfilmt in PSYCHO RAMAN keineswegs die Geschichte eben dieses Serienmörders – nein, vielmehr bedient er sich dieser Geschichte als Inspirationsquelle und schafft mit der Historie den Grundtonus seines Films.
Kashyap ist sich dabei durchaus seiner Herkunft und den dortigen filmischen Gepflogenheiten bewusst. So beginnen viele indische Filme mit einer obligatorischen Tanzszene in einem Club mit schönen Frauen – auch schwülstige und sehnsüchtige indische Lieder dürfen zur Untermalung nicht fehlen.
Doch statt auf den Trampelpfaden seiner Vorgänger zu wandern, nutzt Kashyap diese Elemente zwar auch in seinem Film, jedoch um einiges intelligenter und unkonventioneller.
So werden auch hier schwülstig-anmaßende indische Popsongs über gewisse Szenen gelegt – in den Untertiteln offenbart sich jedoch erst der vergleichsweise düstere Touch: „Schlag noch mal zu. Brich den Bann. Verderbe das Trinkwasser mit einem Rinnsal von Gift.“

Kehrtwende des indischen Kinos

PSYCHO RAMAN ist in strikte Phasen bzw. Kapitel eingeteilt, deren Chronologie sich etwas verzögert ergibt. Dabei steckt unter der Oberfläche des Thrillers durchaus mehr als die Blutbäder, die Raman mit seiner Eisenstange hinterlässt. Er selbst sieht sich als eine Art Racheengel oder Boten der Götter – berufen um zu töten. Auch das Thema der Suche nach einem Seelenverwandten, einer Person die einen erst vervollständigt, ist in PSYCHO RAMAN von zentraler Bedeutung.
Der Film weiß ebenso in einem gesellschaftlichen Kontext zu wirken. So werden bis heute relevante Probleme wie das dominante Männerbild, eine korrupte Polizei oder auch die langsam einsetzende Emanzipation des modernen Indiens thematisiert. Letzteres wird vor allem durch Raghavs Freundin Simmy verkörpert, die er nicht als solche benennen will, sondern viel mehr als Frau die er eben fickt.
Auch im Hintergrund sind mediale Eindrücke zu vernehmen, bei denen über die Rolle der Frau diskutiert wird. Ein weiteres Novum stellt die Art der Darstellung der indischen Slums dar: nie schienen sie realer, greifbarer und düsterer – ein starker Kontrast zum sonst so farbenfroh inszenierten Indien.

PSYCHO RAMAN mag als fiktionales Portrait eines historischen Killers, das in der Gegenwart angesiedelt ist, auf vielerlei Ebenen den Aufbruch in neue Gewässer für den indischen Film bedeuten. So gab es in Indien vielerlei Kontroversen um den Film. So schlidderte man bei der Produktionen haarscharf an der Zensur vorbei – für deutsche Verhältnisse vielleicht zu sehr, denn der Film wird hier voraussichtlich ein FSK 16 erhalten.
Darüber hinaus fehlt es bei PSYCHO RAMAN an jeglicher Identifikationsfigur. Nawazuddin Siddiqui spielt den psychopatischen Raman äußerst gekonnt und kann dem Film durchaus diabolische Momente entlocken, doch die Figur des Raghav wirkt zuweilen etwas overacted. Zudem ist die Richtung in die der Film gehen will schon sehr früh erkennbar und weiß daher ab einem bestimmen Zeitpunkt nicht mehr zu fesseln. Nichtsdestotrotz ist PSYCHO RAMAN als Vorreiter für ein mutigeres, indisches Kino, das sich mehr an das westliche Sehgewohnheiten orientiert, sehenswert, auch wenn der Film mit seinen - für indische Filme vergleichsweise kurzen - zwei Stunden dennoch etwas zu lang geraten ist.



7 / 10



Titel:                Psycho Raman (Raman Raghav 2.0)
Erscheinungsjahr:    2016
Altersfreigabe:      FSK 16
Regie:              Anurag Kashyap
Cast:                Nawazuddin Siddiqui, Vicky Kaushal, Sobhita Dhulipala, Anuschka Sawhney,
                                 Mukesh Chhabra
Produktionsland:      Indien
Länge:               127 Minuten
Kinostart:                  ?



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