19. August 2016

REVIEW: Swiss Army Man (2016) - "Freundschaft mit Flatulenzen"

  
der cineast Filmblog Swiss Army Man Daniel Radcliffe als Leiche im Wald
© Capelight

Auf dem diesjährigen Sundance Festival sorgte er bereits für Furore – teilweise verließen sogar Zuschauer angewidert den Kinosaal. Die Rede ist von dem hochkarätig besetzten Regiedebüt SWISS ARMY MAN. Eben dieser Film eröffnete am Mittwochabend das 30. FANTASY FILMFEST – dabei passen die beiden wie Arsch auf Eimer (um schon hier auf den Jargon des Films einzustimmen): stellen Film und Festival doch ein besonderes, verrücktes und einzigartiges Erlebnis dar!

Abfälle schwimmen durchs Meer – heutzutage leider nichts Ungewöhnliches. Doch in diesem Fall sind darauf Hilferufe notiert. Sogar ein aus Müll gebautes Schiffchen mit Kapitän schwimmt vorbei – ebenfalls mit Botschaften überzogen.
Diese Konstruktionen stammen von Hank (Paul Dano), der seit einer Ewigkeit auf einer pazifischen Insel gestrandet ist. Just in dem Moment, als er seinem Leben ein Ende setzen will, da er die Einsamkeit nicht länger erträgt, wird ein Körper an den Strand gespült.
In der Hoffnung es handle sich um einen noch lebenden Schiffsbrüchigen, der ihm Gesellschaft leisten könnte, unterbricht Hank seinen Suizidversuch. Jedoch handelt es sich um eine Leiche, die ihn mit ihren Gasen und der damit verbundenen Schubkraft, gleich eines Jet-Skis, an neue Ufer bringen wird.
Voll neugeschöpftem Lebenswillen, trägt Hank seinen ungewöhnlichen Kompagnon auf seinen Erkundungstouren durch das neue Territorium mit sich herum. Eine kluge Entscheidung, wie sich später herausstellen soll. Sein Lebensretter heißt Manny (Daniel Radcliffe) und erweist sich als äußerst nützlich. Er fungiert nicht nur als geselliger Gesprächspartner – so dient Mannys Kiefer als Nussknacker, seine Zähne werden zum Rasiermesser umfunktioniert und sein erigiertes Glied weist Hank, gleich der Nadel eines Kompass, den Weg nach Hause. Gemeinsam kämpft sich das ungewöhnliche Duo zurück in die Zivilisation begleitet von Fantastereien und allerlei Strapazen.

Einfach magisch

Robinson Crusoe hatte seinen Freitag, Tom Hanks in CAST AWAY seinen Volleyball – unser Hank hat seinen furzenden Manny. Dabei stellt sich der Kadaver schnell als ein mensch-gewordenes Schweizer Taschenmesser heraus (Titelverweis).
Bereits seit dem ersten Trailer erwartete ich sehnsüchtigst SWISS ARMY MAN – durch das diesjährige FANTASY FILMFEST wurde mir nun mein Wunsch verfrüht erfüllt.
In SWISS ARMY MAN steckt unter dem Fäkalhumor nicht nur eine nachwirkende Parabel auf die Unsicherheit und Ideale des Menschen in der modernen Gesellschaft. Die Angst vor dem vergessen werden, nie geliebt zu haben und alleine zu sterben werden hier genauso thematisiert wie „Online-Stalking“, dem Leben in einer selbst geschaffenen Scheinwelt und dem Umgang mit dem Smartphone. Der Film nimmt den Zuschauer mit auf einen kurzweiligen, fantastischen und unkonventionellen Roadtrip einer Freundschaft.

Ode ans „weird“-sein

Daniel Radcliffe liefert als theoretisch regungslose Leiche eine großartige Performance ab und kann uns auch ganz ohne Zauberstab verzaubern und magische Kinomomente bescheren. Auch Paul Dano schafft es als „Weirdo“ wie immer zu überzeugen.
Doch leider ist SWISS ARMY MAN nicht ganz so „revolutionär“ wie er denn gern wäre, da man doch den Umstand des Regiedebüts bemerkt. Der Fäkalhumor ist stellenweise dann doch etwas zu viel des Guten, das Drehbuch wirkt nicht gänzlich ausgereift – der Film verliert sich gen Ende. Das Finale wirkt ein wenig dahin konstruiert, trashig und schwer nachvollziehbar, trotz der interessanten Wendung. Nur zu gerne hätte man sich hier ein würdigeres Ende für den Film gewünscht. Nichtsdestotrotz lässt uns SWISS ARMY MAN daran glauben, dass die kreativen und abstrusen Ideen in Zeiten von Remakes, Prequels, Sequels und Co. doch noch Gehör finden und echte Chancen zur Realisierung im größerem Rahmen haben können.

SWISS ARMY MAN ist ein gelungenes Regiedebüt mit einigen, damit verbundenen Kinderkrankheiten. Nichtsdestotrotz wurde hier ein Werk mit viel Liebe zum Detail und Leidenschaft geschaffen, das man so schnell nicht vergessen wird. Warum hier einige Leute im Vorfeld den Kinosaal verstört verlassen haben, hat sich mir – auch retrospektiv - nicht erschlossen. Was zurückbleibt ist eine audiovisuelle Reise in ein weirdes Gedankenspiel, das uns den Spiegel vorhält. Aber weird sein ist okay, denn jeder furzt, scheißt und masturbiert, auch wenn keiner hinsieht.


7,5 / 10



Titel:                Swiss Army Man
Erscheinungsjahr:    2016
Altersfreigabe:      FSK ?
Regie:              Daniel Scheinert, Daniel Kwan
Cast:                Paul Dano, Daniel Radcliffe, Mary Elizabeth Winstead
Produktionsland:      USA
Länge:               97 Minuten
Kinostart:                  13. Oktober 2016



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