18. Januar 2017

REVIEW: Die Welle (2008) - "Einmal Mitläufer und zurück"

  
der cineast Filmblog Herr Wenger (Jürgen Vogel) steht vor seinen gehorsamen Schülern
© Constantin Film

Kann sich die Vergangenheit wiederholen? Wäre eine Diktatur in Deutschland wie zu Zeiten des Nationalsozialismus noch einmal möglich? Vielen Schülern hängt die Thematik des Dritten Reichs bereits zur Nase heraus - so ist diese Epoche der deutschen Geschichte im Unterricht oftmals  zu sehr durchexerziert worden. DIE WELLE verpackt die Thematik des Faschismus zeitgenössisch und regt zum Nachdenken an - inklusive eines "Throwbacks" in die eigene Schulzeit.

Herr Wenger (Jürgen Vogel) - oder Rainer, wie ihn seine Schüler nennen dürfen, ist ein cooler Lehrer an einem deutschen Gymnasium, wie ihn sich wohl jeder während seiner Schulzeit gewünscht hätte. Mit Ramones Shirt und Lederjacke schreitet er lässig über den Pausenhof und durch das Schulgebäude. Ergo der Traum eines jeden Schülers – wenngleich gehasst und beneidet von antiquierten Kollegen.
Während der anstehenden Projektwoche, sollen den Schülern die unterschiedlichsten politischen Herrschaftsformen vorgestellt werden. Rainer, der selbst eine Zeit lang in einem besetzten Haus gelebt hat und stehts am 1. Mai auf die Straße ging, hätte nichts lieber als den Anarchiekurs geleitet – doch daraus wurde nichts und so muss er den Schülern das Thema „Autokratie“ näher bringen. Nachdem in Diskussionsrunden unter den Schülern klar wird, dass diese der Meinung sind, dass eine Diktatur wie die zu Zeiten des Nationalsozialismus in Deutschland nicht mehr möglich wäre, wagt Wenger ein Experiment. Zusammen mit den Schülern gründet er die Bewegung „Die Welle“ zu deren Anführer er gewählt wird. Doch das Schulprojekt verselbstständigt sich schon bald und entgleitet Herrn Wenger zunehmens, bis am Ende ein markerschütternder Knall ertönt.

Macht durch Disziplin! Macht durch Gemeinschaft! Macht durch Handeln!

Die Welle ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Morton Rhue, der schon längst zum Lektürekanon des Deutschunterrichts gehört. Dieser basiert wiederum auf den realen Begebenheiten des Experiments ‘The Third Wave’, das 1967 in Kalifornien stattfand. Schüler des amerikanischen Lehrers Ron Jones waren der Überzeugung, dass der Nationalsozialismus in den USA niemals hätte stattfinden können. Das Experiment sollte einen Gegenbeweis am eigenen Leibe darstellen. Mit diesen eigentlichen Geschehnissen hat der Film DIE WELLE jedoch nicht mehr viel gemeinsam.
Irgendwo in Deutschland, an einem namenlosen Ort mit damals größtenteils unbekannten deutschen Jungschauspielern spielt sich die Handlung des Films ab.

Regisseur Dennis Gansel verpasst der für Schüler - aufgrund der oftmals vorgeschriebenen Lektüre - eher drögen Thematik durch seine Art der Inszenierung einen popkulturellen und hipperen Anstrich. Generell ist der Film sehr stark an der Zielgruppe der Jugendlichen angelehnt. Der Schulalltag und der pubertäre Lebensstil stehen dabei zu Beginn des Films im Mittelpunkt: erste Beziehungsprobleme, wilde Partys, Ehrgeiz beim Schulsport und die Suche nach Zugehörigkeit, Anerkennung und einem selbst. Es werden gewissermaßen die gängigen Schüler-Archetypen vorgestellt: „die Streberin“, „der Ausländer“, „der Punk“, „der Schnösel“ uvm. Doch gerade hier bleibt die Charakterzeichnung der Protagonisten eher schwach und oberflächlich – eine tiefere Hintergrundstory der agierenden Personen wird bestenfalls angedeutet und ist ansonsten eher klischeebehaftet. Und dennoch ertappt man sich dabei, wie man sein eigenes Schulleben erneut durchlebt.
Was einem als Schüler jedoch noch nicht sonderlich bewusst war: die Sicht des Lehrers. Respekt und Beliebtheit – Schüler, die einen an den Lippen hängen und wissbegierig sind – die Wunschvorstellung der meisten Lehrer und oftmals der Grund ein Lehramtsstudium zu beginnen. Einen Part, der mit Jürgen Vogel bestens besetzt ist, da man diesem gleichermaßen den Rebell und die Autoritätsperson abnimmt.

Im Gleichschritt zur Einheit

Können wir aus den Fehlern der Vergangenheit lernen? Ist es vielleicht sogar unsere Pflicht, eine resultierende Verantwortung der Geschichte?
DIE WELLE greift neben der oberflächlichen Frage um das erneute Aufleben des Faschismus in Deutschland eine andere, überaus wichtige Thematik auf und verpackt sie in einem zugegebenermaßen drastisch endenden Sozialexperiment: ein Gedanke kann jeden von uns infizieren – jeden kann es treffen. Eine ebenfalls interessante, unterschwellig aufkommende Frage lautet: „Was ist überhaupt Faschismus? Wo beginnt er? Wo verlaufen seine Grenzen?“ Sind Disziplin, Gemeinschaftssinn, Nationalstolz, Uniformierung, sozialer Druck auf Andersaussehende, -denkende und -handelnde, zusammengenommen bereits Indikatoren für den schwelenden  Faschismus  innerhalb einer Gesellschaft? 
Das Filmprojekt war auch für das deutsche Kino wichtig: DIE WELLE stellte für viele damalige deutsche Jungschauspieler einen wichtigen Meilenstein in derer Karrieren dar - viele von ihnen sind mittlerweile nicht mehr aus der deutschen Filmlandschaft wegzudenken. 

Letztendlich meistert DIE WELLE den Spagat zwischen Kinofilm und unterhaltsamem Material für den Schulunterricht, gleicht jedoch sonst stellenweise einer Schauerstory für angehende Lehramtsstudenten. Über die Jahre hat der Film für mich an Lack verloren - genau wie aus dem zu Beginn ohrenbetäubenden Tosen der Welle nur noch eine seichte Woge wurde.




6,5 / 10


Titel:Die Welle
Produktionsjahr:2008
Altersfreigabe:FSK 12
Regie: Dennis Gansel
Cast: 
Jürgen Vogel, Frederick Lau, Elyas M’Barek, Max Riemelt, Jennifer Ulrich, Christiane Paul
Produktionsland: Deutschland 
Länge: 107 Minuten 
Verfügbar auf: http://amzn.to/2qFgu3z* (Blu-Ray)
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1 Kommentar

  1. Ich finde den Film bis heute "rewatchable". Ich stoße mich aber auch an den Charakteren, denen Sätze in den Mund gelegt werden, von denen Gansel vermutlich dachte, dass Jugendliche sie eben so gebrauchenw würden. Damit bürstet er für meinen Geschmack bei Jennifer Ulrichs Charakter "Karo" am schlimmsten am Ziel vorbei.

    In mir brütet bis heute die Frage, ob "Die Welle" nicht eine Geschichte ist, die sich vielleicht noch besser als 10-teilige Serie erzählen ließe.

    BTW: Schöne Kritik.

    LG,
    Rob

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