9. Februar 2017

REVIEW: Die Jagd (2012) - "Ist der Ruf erst ruiniert ..."

  
der cineast Filmblog Die Jagd Lukas mit seinem Sohn Markus
© Wild Bunch

Kindesmissbrauch. Ein heikles Thema. Doch was passiert, wenn ein Unschuldiger dieser Straftat bezichtigt wird? Dieser Frage geht der dänische Regisseur Thomas Vinterberg in seinem eindringlichen Werk DIE JAGD nach.
Diese Review ist im Rahmen des Blogger-Specials "So finster der Norden" anlässlich des heutigen Kinostarts von Baltasar Kormákurs DER EID entstanden. Zudem habt ihr die Möglichkeit eins von drei Paketen zum Film zu gewinnen. 

Lucas (Mads Mikkelsen) ist ein angesehenes Mitglied der Gemeinde und das, was man heutzutage einen „modernen Mann“ nennen könnte – er ist sensibel, sanft und kinderlieb, begleitet die Männer aber auch schon mal zu feuchtfröhlichen Jagdausflügen. Eigentlich ist Lucas Lehrer, doch die Schule musste schließen und so ist er nun notgedrungen Kindergärtner im städtischen Kindergarten. Obendrein geschieden, streitet er mit Exfrau Kirsten - bei deren Namen sein Hund Fanny wie wild zu kläffen anfängt - um ein intensiveres Besuchsrecht seines Sohnes Marcus (Lasse Fogelstrøm), den er bislang nur alle zwei Wochen am Wochenende sehen darf.
Die Kinder lieben ihn. Klara (Annika Wedderkopp), die Tochter seines besten Freundes Theo (Thomas Bo Larsen) liebt ihn sehr, leider zu sehr. Denn sie hat eine unschuldige kindliche Schwärmerei für den netten Freund ihrer Eltern entwickelt – wer nimmt einen schon bei der Hand wenn man verloren vor dem Supermarkt steht und sich verirrt hat, weil man nicht auf die Linien am Boden treten durfte? Und so küsst das Mädchen ihn eines Tages auf den Mund und schenkt ihm ein Herz aus Bügelperlen. Lucas versucht verantwortungsvoll die Fronten zu klären, doch wusste er zu dem Zeitpunkt noch nicht, was er damit lostreten würde. Denn Klara fühlt sich zurückgewiesen und behauptet in ihrer Frustration, dass sie Lucas erigierten Penis gesehen hätte. 
Kindermund tut Wahrheit kund. Das glaubt jedenfalls die Kindergärtnerin Grethe (Susse Wold), als die kleine Klara ihr die Geschichte erzählt und somit das Misstrauen der pflichtbewussten, aber auch leicht hysterischen Frau weckt. Obwohl sie zunächst das Gespräch mit Lucas sucht und diesen mit den anonymisierten Anschuldigungen konfrontiert, formt sich daraus ein Gedanke, der wie ein Virus alle Dorfbewohner infiltriert. Der Beginn einer Hetzjagd auf einen unschuldigen, sonst so lieben Kerl an dessen Ende ein Mord steht: Rufmord.

Du sollst nur deine Eltern auf den Mund küssen

Gleich zu Beginn kann man sich nicht helfen – es ist irgendwie seltsam einen alleinstehenden Mann mit einem kleinen Kind zu sehen, das nicht sein eigenes ist. Ein mulmiges Gefühl, das einen plötzlich überkommt, wenn man Lucas mit den Kindern herumtollen sieht oder er die kleine, verlorene Klara bei der Hand nimmt um sie nach Hause zu bringen. Dabei weiß der Zuschauer bereits von Beginn an, dass Lucas ein unschuldiger Mann ist. Ein scheinbar klarer Fakt, mit dem der Regisseur in DIE JAGD jedoch so seine Spielchen treibt. Mit seiner intensiven, unaufgeregten und mit wenigen Peaks Erzählweise schafft es Vinterberg dennoch eine stets gespannte Stimmung zu erzeugen.
Die Wahl der Schauspieler spielt ihm dabei ebenfalls in die Karten – der Großteil des Casts besteht aus eher unverbrauchten Gesichtern, die relativ unbehaftet sind – da ist nur die kleine, süße engelsgleiche Erscheinung Klaras, großartig gespielt von Annika Wedderkopp, die den evolutionären Beschützerinstinkt in jedem von uns triggert. Auch die Beeinflussung durch die von außen einwirkenden Ängste und Befürchtungen der Erwachsenen auf das Verhalten, sowie die daraus resultierende Verwirrung aber auch Reue des Mädchens, vermag Weddekopp regelrecht greifbar zu machen.
Zugpferd Mads Mikkelsen, liefert in DIE JAGD wohl eine der besten Performances seines Lebens ab und hat damals für diese Rolle nicht umsonst die Auszeichnung als bester Darsteller bei den Filmfestspielen in Cannes gewonnen. Trotz des regelrechten Spießrutenlauf des Charakters, vermag er eine Ruhe und Besonnenheit auszustrahlen, sodass man Lucas immer wieder zurufen möchte: Wehre dich doch endlich!

Kinder lügen nicht – oder?

Mit DIE JAGD knüpft Dogma-Mitbegründer Thomas Vinterberg thematisch grob an seinen 15 Jahre zurückliegenden Film DAS FEST an. Dabei stellt der Film nach DAS FEST wohl den letzten Höhepunkt seiner bisherigen Karriere dar, denn mit diesem Maß an eindringlicher Intensität konnte der dänische Regisseur bis dato nicht noch einmal aufwarten. 
In DIE JAGD lehrt er uns, dass man Worte, die man erst einmal ausgesprochen hat, sich nicht wieder zurücknehmen lassen – auch, oder gerade wenn man sie zutiefst bereut. Vinterberg zeigt ebenfalls die schmerzliche Vergänglichkeit von gefestigt geglaubten sozialen Strukturen wie Freundschaften auf – ganz egal über wie viele Jahrzehnte sie auch geformt wurden. Doch auch ein Stück „Heimatfilm“ darf hier nicht fehlen: so wird die Fahne Dänemarks als Land der Integration und verbreiteten Englischkenntnisse hochgehalten – ganz nach dem Gusto der derzeit viralen Kampagne „America First, XYZ Second.“

Wir neigen dazu, dass wir daran glauben, dass Kinder die Wahrheit sagen - und das tun sie auch oft: Kindermund tut bekanntlich Wahrheit kund. Kinder sind Schutzbefohlene, die nicht immer eine Stimme haben und diese oftmals erst durch die eines Erwachsenen verliehen bekommen. Ja, man sollte seinen Kindern glauben. Aber auch nicht immer alles bzw. nicht gleich den Teufel an die Wand malen und Dinge auch mal kritisch hinterfragen. Dennoch müssen uns der Frage stellen, ob eine grundsätzliche Paranoia in Sachen des Kindesmissbrauchs vernünftig und gerechtfertigt ist.
Am Ende bleibt dem Publikum nur der Blick in Lucas schreck-erstarrtes Antlitz – er weiß, dass dieser Vorwurf auf ewig an ihm haften bleibt - es steht ihm ins Gesicht geschrieben.

9,5 / 10

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BLOGPARADE: So finster der Norden


Am 9. Februar startet der skandinavische Thriller DER EID von Baltasar Kormákur in den deutschen Kinos. Im Rahmen eines Blogger-Specials unter dem Motto "So finster der Norden" haben auch andere deutsche Blogger ihre skandinavischen Lieblinge vorgestellt:

Denis von filmtogo.net - Millennium-Triologie
Tobias von kino7.de - Lilyhammer
Sonia von zeilenkino.de - Easy Money - Spür die Angst

Zu DER EID:
Finnur (Baltasar Kormákur) ist ein liebevoller Familienvater und ein erfolgreicher Herzchirurg in Reykjavík. Nur seine volljährige Tochter Anna macht ihm Sorgen; sie wohnt nicht mehr zu Hause und konzentriert sich lieber auf rauschende Partys als auf ihre Ausbildung. Als Anna sich dann auch noch in den äußerst zwielichtigen Ottar verliebt, droht sie noch tiefer abzurutschen. Der besorgte Finnur versucht alles, um Anna von Ottars schädlichem Einfluss fernzuhalten, doch gerät er dadurch selbst ins Fadenkreuz des Drogendealers Ottar und dessen Machenschaften. Unausweichlich sieht sich Finnur vor die Frage gestellt, wie weit er gehen muss, um seine Familie zu beschützen.
Mit DER EID kehrt Regisseur und Hauptdarsteller Baltasar Kormákur (EVEREST, 101 REYKJAVIK) nach einem längeren Aufenthalt in Hollywood zu seinen isländischen Wurzeln zurück und liefert emotionales hochspannendes, typisch skandinavisches Kino mit Gänsehaut-Garantie.



GEWINNSPIEL


Anlässlich des Kinostarts von DER EID gibt es insgesamt drei düstere Pakete zum Film zu gewinnen.
Dabei bestehen die Pakete jeweils aus:

1 Poster zu DER EID
1 Kinofreikarte für DER EID
1 DVD "101 Reykjavik", dem Regiedebüt von Baltasar Kormákur

Zu 101 REYKJAVIK:
Der phlegmatische Hlynur lebt in den Tag hinein – und noch bei seiner Mutter. Als die lesbische Spanierin Lola seine Mutter für einige Tage besucht, ist es mit dem schönen Leben vorbei. Nach einem One-Night-Stand ist Lola schwanger und will das Kind gemeinsam mit Hlynurs Mutter aufziehen …
Das Regiedebüt des isländischen Schauspielers Baltasar Kormákur ist zugleich die Anti-Coming-of-Age-Geschichte eines Mannes, der sich weigert erwachsen zu werden, und das Porträt seiner Heimatstadt Reykjavik.
Mehr infos unter: www.arthaus.de/101_reykjavik-arthaus_collection


Um am Gewinnspiel teilzunehmen, müsst ihr einfach bis zum 19. Februar 2017 eine Mail an norden@pureonline.de schicken - dort werden die Gewinner ausgelost und benachrichtigt.

Toi, toi, toi!


Titel:                Die Jagd (Jagten)
Produktionsjahr:       2012
Altersfreigabe:      FSK 12
Regie:              Thomas Vinterberg
Cast:                Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Annika Wedderkopp, Lasse Fogelstrøm,
                                  Susse Wold, Anne Louise Hassing, Lars Ranthe, Alexandra Rapaport
                                  Bjarne Henriksen
Produktionsland:       Dänemark, Schweden
Länge:               111 Minuten
Verfügbar auf:           Blu-Ray, DVD




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