8. März 2017

REVIEW: Moonlight (2016) - "Von Schwarz zu Blau"

  
der cineast Filmblog Moonlight Little Chiron steht am Meer
© dcm

Schwarze Jungen erscheinen im Mondlicht blau. Welch Poesie, die sich gemischt mit der Härte der Realität durch den gesamten Film zieht. MOONLIGHT ist dabei nicht nur einer der schönsten Filme des Jahres sondern auch einer der wichtigsten. Der Film wurde bei den diesjährigen Oscars als Bester Film ausgezeichnet - warum er diesen Titel mehr als zurecht trägt, verrate ich euch in meiner Kritik.

Der 9-jährige Chiron (Alex R. Hibbert) wächst unter schwierigen Umständen in Miami auf. Seine Mutter Paula (Naomi Harris) ist alleinerziehend und cracksüchtig. Ein Umstand, der vertauschte Rollen mit sich bringt: der Sohn muss sich um die Mutter kümmern. Doch dies ist nicht Bürde genug – der schweigsame Chiron, den alle aufgrund seines schmächtigen Erscheinungsbildes nur abfällig „Little“ nennen wird zu allem Überfluss auch in der Schule drangsaliert, denn er ist irgendwie anders als die Anderen. Schon früh wird er als Schwuchtel beschimpft – ohne dabei zu wissen was das überhaupt ist. Dieses und viel mehr erklärt ihm der Drogendealer Juan (Mahershala Ali), der sich mit seiner Freundin Teresa (Janelle Monáe) liebevoll um den Jungen kümmert und ihm das Zuhause bietet, wonach sich Chiron stets sehnte. Doch Chirons Odyssee reißt auch nicht ab als er zum Jugendlichen heranwächst (nun gespielt von Ashton Sanders) und mit seinem besten Freund und Mitschüler Kevin (Jharrel Jerome) seine erste homosexuelle Erfahrung macht. Kevin passt rein und scheint gewöhnlich – doch das ist er für Chiron nicht. Er wird für ihn immer einzig sein auf der Welt. Ende 20 ist Chiron (Trevante Rhodes), der sich inzwischen Black nennt, kaum wiederzuerkennen. Er hat seiner Opferrolle den Rücken gekehrt und ist selbst zum gestählten Drogendealer geworden. Doch dann erhält er aus heiterem Himmel einen Anruf von Kevin (André Holland)…

Kinopoesie in drei Teilen

Regisseur Barry Jenkins nimmt uns in MOONLIGHT mit auf eine Reise – eine sehr persönliche, denn sowohl seine eigenen Erfahrungen als auch die von Alvin McCraney, der das Theaterstück “In Moonlight Black Boys Look Blue“ schrieb, das Jenkins dann als Drehbuch adaptierte, sind in den Film eingeflossen.
Bereits das Kinoplakat lässt erkennen – es handelt sich um eine zersplitterte Persönlichkeit, oder vielmehr um den Facettenreichtum dieser. Die Zeit und Einflüsse formten diese und so wird der Zuschauer in MOONLIGHT nichts Geringeres als Zeuge der Entwicklung einer Persönlichkeit mit einem Grad an Detailgenauigkeit und emotionaler Tiefe, die einen übermannt.
Die Kamera studiert vor unseren Augen die Charaktere – liebkost sie geradezu. Alles mit einer geringen Brennweite – so als ob nur das, was vor einem steht von Bedeutung ist und alles andere zu einem Hintergrundgeräusch, einem Rauschen wird.
MOONLIGHT ist ein dreiteiliges Kinopoem – jeder Abschnitt, der den jeweils gängigen Namen Chirons in der porträtierten Lebensphase trägt – könnte als Kurzfilm auch für sich allein stehen und würde nichts an seiner Eindringlichkeit verlieren. Die Szene in dem Juan Chiron Schwimmunterricht gibt, der in einer regelrechten Taufe gipfelt ist pure audio-visuelle Magie. Unterstützt wird das ganze durch den hervorragenden Klassik-lastigen Score von Nicholas Britell, der den harten Bildern eine gewisse Harmonie und Feingliedrigkeit verleiht. Hier ist der Bruch in der musikalischen Untermalung von Kapitel II auf Kapitel III mir persönlich etwas zu hart. Generell spielt Jenkins wunderbar mit Farben – in einigen akzentuierten Szenen beinahe so, dass es an Nicolas Winding Refns markanten Neon-Look erinnert.

Sei ein Mann

MOONLIGHT ist ein Coming-of-Age-Geschichte eines schwulen Afroamerikaners in einem hypermaskulinen, schwarzen Umfeld und eine allgemeingültige Geschichte darüber, wie es ist aufzuwachsen, wenn man einfach anders ist und aufgrund dessen ausgegrenzt wird. Ein Essay über schwarze Männlichkeit in sozial schwachen Gegenden amerikanischer Großstädte. Doch wann ist man ein Mann und wie wird man zu seinem? Eine Suche nach Liebe, Anerkennung und der eigenen Identität. Doch Chiron wird immer ein Fremder bleiben – ob durch seine Homosexualität (für die Gesellschaft), seine erzwungene Veränderung (für Kevin) oder durch selbstbestimmtes Fremdeln (für die Mutter).
MOONLIGHT bedient einerseits die Klichees, die man als Weiße/r hinsichtlich des Lebens eines farbigen (schwulen) Mannes hat. Und doch nimmt der Film diese zunächst klicheehaften Fragmente und setzt sie neu zusammen, sodass ihnen eine ganz andere, tiefere Bedeutung zukommt.
Ebenfalls bemerkenswert: in kaum einem anderen Film werden die unterschiedlichen Nuancen farbiger Haut dermaßen präzise dargestellt.

Der beste Film des Jahres – nicht nur ein Werbeversprechen

MOONLIGHT hat gerade einmal 1,5 Mio. Dollar gekostet und ist somit der „günstigste“ Film der jemals bei den Oscars als Bester Film ausgezeichnet wurde. Ein wichtiges Signal an alle Filmschaffenden: Es braucht kein großes Budget um einen herausragenden und Oscar-prämierten Film zu produzieren.
Ich muss zugeben, dass ich es weniger dem Film sondern der Academy nicht zugetraut habe diesen Film mit dem wichtigsten Preis auszuzeichnen – einen Film über Homosexualität und einem ausschließlich schwarzem Cast. Doch ich war mehr als froh, dass ich Unrecht behielt.
Ich lehne mich mal weit aus dem Fenster und sage, dass MOONLIGHT (für mich) der beste Film des Jahres sein wird, denn er hat etwas geschafft, was nur äußert wenige Filme bei mir auszulösen vermögen: Gänsehaut pur – von der ersten bis zur letzten Minute.

10 / 10


Titel: Moonlight
Produktionsjahr: 2016 
Altersfreigabe: FSK 6
Regie:  Barry Jenkins
Cast:  Ashton Sanders, Alex R. Hibbert, Trevante Rhodes, Mahershala Ali, Janelle Monáe, Naomie Harris, Jaden PinerJharrel Jerome, André Holland
Produktionsland:  USA 
Länge:  111 Minuten 
Kinostart:  09. März 2017
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