16. September 2017

REVIEW: Raw (2016) - "Eingefleischte Vegetarierin"

  
der cineast Filmblog Kritik Review Raw Garance Marillier als Justine zusammengekauert unter Bettlaken
© Universal

Wie lange habe ich diesem Film entgegen gefiebert! Schon seit dem letzten Toronto International Film Festival stand RAW ganz oben auf meiner Liste. Nun hat es mir das diesjährige Fantasy Filmfest ermöglicht den Film nun endlich zu sehen.
Zuschauer, die kollabiert sind, Kinobetreiber, die extra Kotztüten verteilten – so wurden die Erwartungen an RAW geschürt und in die Höhe getrieben. Daher war es umso verwunderlicher, dass die Vorstellung (in Berlin) nicht ausverkauft war. Dabei hätte ich schwören können, dass der Film einer der ersten sein wird, für den es keine Tickets mehr gibt. Warum es sich dennoch lohnt den deklarierten „Ekel“-Film dennoch zu sehen, verrate ich euch in meiner Review.

Die 16-jährige Justine (Garance Marillier) ist Vegetarierin und beginnt ihr Studium als angehende Veterinärmedizinerin. Diese Kombination hat bereits Tradition in ihrer Familie und auch Justine hält daran fest. Doch gleich die erste Woche an der Uni wird zum Spießrutenlauf: Drogen, wilde Parties und Tierblutduschen sind nur einige der Rituale, die das „Frischfleisch“ über sich ergehen lassen muss. Angestachelt von ihrer großen Schwester Alexia (Ella Rumpf), die ebenfalls dort studiert, bricht Justine ihren Kodex als Vegetarierin und entwickelt fortan eine unbändige Lust auf Menschenfleisch.

Auf den Geschmack gekommen

Ein juckender Ausschlag auf der Haut, ein ständig knurrender Magen und der ungewohnte Appetit auf Fleisch – dies sind die ersten alarmierenden Vorzeichen, die Justines Persönlichkeit plötzlich ins Wanken bringen und verformen. Justines Elend beginnt mit dem widerwilligen Verspeisen einer rohen Kaninchenleber. Genau wie das junge Mädchen, hat man zumeist das Gefühl zu etwas gezwungen zu werden und macht andere für das sich anschließende Elend verantwortlich. Überlegt man jedoch länger, geschieht das meiste dann doch aus freiem Willen bzw. am nicht vorhandenen Widerstand z. B. um dazuzugehören. So zeigt RAW auch das wilde Studentenleben und demütigende Initiationsriten, wie es sonst zumeist in amerikanischen College-Streifen der Fall ist.
Ganz besonders intensiv ist das Schauspiel der zunächst introvertierten Protagonistin, verkörpert von Garance Marillier. Diese verleiht mit ihrem teils fixiert-stierenden und lustvoll-gierenden Blick, welcher nur bedingt sexueller Natur ist, der Fleischeslust ihres Charakters viel Ausdruck. Aber auch Ella Rumpf, die ich unheimlich gerne sehe und von der ich bis dato nicht wusste, dass diese französische Wurzeln hat, ist als große, rebellische Schwester ausgezeichnet gecastet. Dabei haben die so scheinbar unterschiedlichen Schwestern mehr gemein, als man zunächst glauben mag. Ebenfalls einprägsam: der sehr gute Soundtrack und Score von Jim Williams.

Zum Anbeißen

RAW erzählt im Grunde eine klassische Coming-of-Age-Geschichte, die jedoch mit den Mitteln des Horrorkinos erzählt wird. So schlägt der Film in ähnliche Kerben wie IT FOLLOWS und erinnerte mich persönlich in einigen Momenten an Nicole Krebitz WILD.
Wer sich über die Hyperbel der Metamorphose einer Vegetarierin zur Kannibalin echauffiert, der kratzt lediglich an der Oberfläche von Julia Ducournaus Filmdebüt. Für eben diese Zuschauer ist RAW augenscheinlich ein bebildertes Manifest einer Hardcore-Vegetarierin oder doch eher das Werk einer asexuellen Feministin, die sexuelle Gelüste mit den fleischlichen eines Kannibalen gleichsetzt?
Ducournau beleuchtet in ihrem Debüt insbesondere die zerrütteten Gefühlswelten und die schmerzhafte Verwandlung von einer Außenseiterin zur Frau, die vielen Versuchungen ausgesetzt ist und keiner widerstehen kann. Die Regisseurin bedient dabei sich mit der Kannibalismus-Thematik einer Metapher. Diese steht für die unterdrückte und unkontrollierbare Sexualität, welche allmählich von Heldin Justine Besitz ergreift.
Der Hunger auf Fleisch wird zudem zum Sinnbild für eine verwirrte junge Frau, die sich aus familiären Restriktionen und jugendlichen Ängsten emanzipieren will.
Der Film nimmt uns mit auf eine Reise in die Pubertät – wenn auch in einem absurd anmutenden Setting. Die Pubertät ist eine verwirrende Zeit und vor allem eine Phase der Selbstfindung, in der nichts in Stein gemeißelt zu sein scheint und bei der sich am Ende alles irgendwie fügt. So verhält es sich auch mit der Schlussszene von RAW. Der Film macht es einem nämlich nicht immer leicht diesen einzuordnen oder sich darin zu orientieren. Darüber hinaus gab es einige Szenen, die dann doch etwas lächerlich wirkten und z. B. an Vampir-Dramen wie die Twilight-Reihe erinnerten.

Wer sich RAW jedoch nur ansieht, weil er auf eine filmische Grenzerfahrung hofft, der wird zwangsläufig enttäuscht sein. Natürlich gibt es einige prekäre Szenen und Geräuschkulissen, jedoch stellen die Schlagzeilen der zurückliegenden Filmfestivals eine reine Effekthascherei und einen willkommenen Aufhänger für das Marketing des Films dar. Zumeist sah ich in einigen Szenen sich weitaus schlimmeres anbahnen, als es dann der Fall war. Für zartbeseelte Menschen ist RAW jedoch definitiv harte Kost – für Horrorfans hingegen eher ein künstlerisch-anregender Snack. Nichtsdestotrotz ist RAW ein mutiger und frischer Film mit einem interessanten weiblichen Blickwinkel.
In diesem Sinne: Bon appétit – aber Vorsicht, bissig!

7,5 / 10


Titel:Raw (Grave)
Produktionsjahr:2016
Altersfreigabe:FSK 16
Regie: Julia Ducournau
Cast: 
Garance Marillier, Ella Rumpf, Rabah Naït Oufella, Laurent Lucas, Joana Preiss
Produktionsland: Frankreich
Länge: 115 Minuten 
Verfügbar auf:-

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